Fragments of Light Nº 14: Zehn Jahre später - Ein Gespräch über Fotografie, Zeit und Erkenntnis
Dezember 2025.
Ich sitze im Zug zurück aus Paris. Meine letzte berufliche Reise in diesem Jahr. Draußen zieht die Landschaft im Dunkeln vorbei und ich scrolle auf meinem iPhone durch meine Fotos. Immer weiter nach oben, weiter zurück. Wochen, Monate, Jahre.
Dann ein Bild das ich bei meinem ersten Fotografie Workshop gemacht hatte aus dem Jahr 2016.
Ich halte kurz inne. Bald zehn Jahre…
Ich bleibe hängen und scrolle weiter. Tiefer hinein in dieses Jahr. Zwischen all den anderen, finde ich noch ein paar mehr Schnappschüsse. Behind-the-Scenes-Aufnahmen. Dann eins aus dem Naxos Atelier. Einer Industriehalle in Frankfurt am Main, in der es einen Bereich für Street-Art-Künstler gab. Ein rauer Ort, erfüllt von einer besonderen Energie. Dort hatte ich meine ersten eigenen Shootings.
Es war der erste Ort, an dem ich jemanden zu einem Shooting einlud und damit Verantwortung übernahm. Zum ersten Mal nicht als Freund, der mitknipst und nicht als Teilnehmer bei einem Workshop. Sondern als Gastgeber. Als jemand, der etwas gestalten sollte. Ich hatte den Teil in der Portraitfotografie übersprungen, in dem man mit seiner Familie und Freunden anfängt und wollte gleich damit beginnen, Bilder zu machen, die so werden sollten, wie ich sie mir in meinen Moodboards zusammengesammelt hatte. Bilder, die mehr sein mussten als ein Versuch. Und gleichzeitig hatte ich dieses Gefühl, der Sache noch nicht wirklich gewachsen zu sein. Ich bin schon immer gerne in Schuhen losgelaufen, die mir eine Nummer zu groß waren - ich würde schon hineinwachsen.
Vieles war aus heutiger Sicht natürlich noch unklar. Und vieles existierte noch außerhalb meines Horizonts. Woher auch. Ich hatte zuvor ein, vielleicht zwei Workshops besucht. Meist hatte ich anderen zugesehen, die schon etwas weiter waren als ich. Ich hatte ein paar Freunde die in der Fotografie Szene unterwegs waren. Die paar Bilder, die ich dort unter Anleitung machte, gefielen mir sogar. Sie waren vorzeigbar. Aber sie waren Zufallstreffer. Nicht bewusst entstanden. Nicht kontrolliert. Ein bisschen so, wie ein Preis auf der Kirmes fürs besonders engagierte Versuchen.
Ein paar Tage später stecke ich dann die Festplatte mit dem Aufkleber „2016“ in meinen Laptop. Ich öffne die Ordner. Sie tragen die Namen der Modelle, die Namen der Orte. Einige sagen mir sofort etwas. Andere gar nichts mehr. Ich muss sie öffnen, um mich zu erinnern. Im wörtlichen Sinn.
Ich sehe Lichtsituationen, die keinen Sinn ergeben. Bildbearbeitungen, die alles eher verschlimmern. Bildaufbauten, die im Grunde nicht existieren. Zu nah am Model, zu bildfüllend, ohne Luft. Unruhige Perspektiven. Bei manchen Sets regt sich der Impuls, das Model ausfindig zu machen. Mich zu entschuldigen. Es besser zu machen. Ein neues Shooting anzubieten.
Und trotzdem ist es schön, durch diese Galerien zu gehen. Ich lösche kein Bild von einem Shooting. Ich habe es nie getan. Ich gehe durch die finale Auswahl, durch die bearbeiteten Bilder, manchmal auch durch den Ausschuss. Ich spiele dabei die Shootings im Kopf noch einmal durch. Erinnerungen an Gespräche tauchen auf. Fragmente von Szenen. Dieses Gefühl, neu unterwegs zu sein in der Fotografie.
Im Gedanken stehe ich plötzlich wieder dort. Im Atelier.
Mein jüngeres Ich zieht den Molton-Hintergrund ab, den ich über Jahre hinweg benutzen werde, und faltet ihn sorgfältig zusammen. Das Model ist bereits gegangen. Ich sehe mich, wie ich mich in einen der Sessel setze. Vor mir die Kamera mit restkaltem Kaffee neben mir und ich scrolle durch die Bilder auf dem Display.
Ich erinnere mich an ein Shooting aus dieser Zeit. An diesen einen Moment, in dem zum ersten Mal etwas zusammenkam. Nicht perfekt. Aber anders. Bewusster entstanden. Nach so vielen Shootings davor. Ich hatte zu Anfang mehrere in der Woche, manchmal zwei an einem Tag. Zum ersten Mal ein Bild, das in eine Richtung zeigte, in die ich wollte. Es war wie ein Saatkorn, aus dem meine zukünftigen Bilder wachsen sollten.
2016
Ich setze mich dazu. So, wie ich es heute noch manchmal tue. In Gedanken. Auf langen Autofahrten. Beim Laufen. Beim Nachdenken. Es hilft mir, meine Gedanken zu sortieren. Mich mit mir zu verbinden. Auf meine Art.
Ich sage:
„Du hast hier sehr gerne geshootet. Jahrelang. Immer drin. Das wirst du auch noch lange so machen.“
Er nickt kaum merklich, ohne aufzusehen.
„Hier ist es ruhig“, sagt er. „Ich kann mich konzentrieren. Draußen ist zu viel los.“
„Das kannst du“, sage ich. „Und du lernst gerade, Licht zu lesen. Das ist gut. Aber vergiss nicht: Licht ist mehr als etwas, das beleuchtet. Draußen hast du gelernt, es zu beobachten. Hier drin ist es eingesperrt. Es formt. Es zeichnet. Nimm es nicht nur, um etwas sichtbar zu machen – sondern um dein Motiv herauszuarbeiten.“
Er denkt nach.
„Ich will erst mal Gesichter verstehen.“
„Ja“, sage ich. „Aber warte nicht zu lange damit, Geschichten zu erzählen. Noch ein Gesicht, noch ein Gesicht – irgendwann ist das erzählt.“
Er schweigt.
„Dein Motiv ist nicht das Gesicht, das du zeigst“, sage ich. „Sondern die Geschichte, die du erzählen willst. Die Person darin der Protagonist“
„Und dafür muss ich rausgehen?“, sagt er.
„Ja, zumindest immer wieder“, sage ich. „Aber nicht nur vor die Tür. Geh auf Reisen. Zeig mehr. Lass das Gesicht Teil der Geschichte sein, nicht ihr Mittelpunkt.“
„Und wenn es unordentlich wird?“
„Dann lernst du den Unterschied zwischen ordentlich und richtig. Lerne die Regeln. Und brich sie dann auf.“
2016
Er schaut auf die Kamera.
„Manchmal habe ich das Gefühl, ich mache zu oft und immer wieder das gleiche Bild.“
„Dann hör auf damit“, sage ich. „Jeder Mensch ist anders. Sehe und fotografiere ihn auch so.“
Nach einer Pause fragt er:
„Woran merke ich, ob ich besser werde?“
„An deiner Ehrlichkeit“, sage ich. „Setz die rosarote Brille ab. Urteile nicht freundlich. Urteile wahrhaftig. Deine Entwicklung hängt davon ab, wie gut du die Wahrheit verkraftest – und was du daraus machst.“
Er nimmt das Smartphone vom Tisch.
„Man muss heute sichtbar sein“, sagt er.
„Ja“, sage ich. „Aber Sichtbarkeit ist kein Ziel. Sie ist ein Nebenprodukt.“
„Ohne das hier findet man doch gar nicht statt. Ich will, dass man sieht was ich mache“
„Man findet schnell statt“, sage ich. „Aber man bleibt selten. Tempo fühlt sich an wie Fortschritt. Aber oft ist es nur Bewegung.“
Er wirkt nachdenklich.
„Vergleiche dich nicht“, sage ich. „Messen kannst du dich gerne. Vergleichen nicht. Wenn du beim Rennen ständig nach links und rechts schaust, verlierst du deinen Rhythmus. Du willst nicht gleich sein. Du willst du selbst sein.“
„Und woran merke ich das?“
„An deinem Fingerabdruck“, sage ich. „Nicht am Stil. An der Spur, die du hinterlässt.“
Nach einer Weile sagt er:
„Ich habe manchmal das Gefühl, ich trage zu viel Verantwortung im Shooting.“
„Das tust du auch“, sage ich. „Wie in jeder Beziehung. Bevor du jemanden führen kannst, brauchst du erst eine gute Beziehung zu dir selbst und zu deiner Arbeit.“
Er nickt langsam.
„Emotionen“, sage ich, „sind dein eigentliches Material. Sie entstehen zwischen dir und deinem Gegenüber. Nicht in der Technik. Meistere erst die Beziehung. Dann kümmere dich um das, was du in der Hand hältst.“
Er fragt:
„Und wofür das alles?“
„Mach es dir zum Ziel, bedeutend für Andere zu sein“, sage ich. „Wenn sie ihr Bild sehen, sollen sie die Bedeutung erkennen, die du in diesem Moment für sie hattest.“
Der Raum wird still. Das Gespräch auch. Ich sitze wieder im Zug.
Zehn Jahre später weiß ich:
Nicht alles, was sich damals wichtig anfühlte, war es auch. Und manches, das beiläufig begann, hat sich als tragfähig erwiesen.
Bewahrheitet hat sich, dass Fotografie Zeit braucht. Nicht nur, um besser zu werden, sondern um überhaupt zu verstehen, was man da tut und wie es passiert was da zwischen zwei Menschen stattfindet. Die entscheidenden Veränderungen haben sich langsam eingeschrieben. Still. Oft erst rückblickend sichtbar.
2016
Bewahrheitet hat sich auch, dass Nähe nichts mit Brennweiten zu tun hat, sondern mit Beziehung. Die stärksten Bilder entstanden dort, wo etwas zugelassen wurde – nicht dort, wo alles kontrolliert war.
Relativiert hat sich vieles, was sich früher wie ein Maßstab angefühlt hat. Sichtbarkeit. Tempo. Stil als Ziel. Reaktionen als Bestätigung. Ich habe gelernt, dass Entwicklung langsam sein darf. Und dass manche Phasen unsichtbar bleiben müssen, damit etwas wachsen kann.
Viele Entscheidungen von damals waren nicht falsch. Sie waren notwendig. Manche Umwege waren der Weg. Manche Irrtümer Voraussetzung. Erst im Rückblick lässt sich unterscheiden, was bleiben – und was losgelassen werden darf.
Wenn ich heute an mein früheres Ich denke, dann nicht mit dem Wunsch, es zu korrigieren. Sondern mit Respekt. Für die Geduld. Für das Aushalten von Unsicherheit. Für das Weitergehen.
Denn das ist die eigentliche Konstante dieser zehn Jahre:
Dass Fotografie kein Ziel kennt.
Nur ein Weitergehen.

