Method Notes Nº 10: Der rote Faden, oder -Warum ich nicht „meinem Stil treu“ bleiben will

Vor Kurzem saß ich nach einem Shooting in Italien mit einem anderen Fotografen zusammen. Ein Name, den man kennt. Einer von denen, die seit Jahren Film und Mode fotografieren, gut gebucht, große Kund:innen, stabile Präsenz. Wir sprachen über Bilder, über das Licht von Italien, über Leute– und ging das Thema in eine andere Richtung.

Er erzählte, dass sich etwas verändert habe in der Landschaft um ihn herum. Magazine und Labels buchten ihn seltener. In Editorials tauchten Bildsprachen auf, die deutlich anders wirkten als das, was man über Jahre mit ihm verbunden hatte. Er sagte, vielleicht hätte er früher „mehr wenden“ müssen. Vielleicht hätte er aktiver auf Social Media sein müssen. Vielleicht hätte er seine Technik noch weiter verfeinern, noch mehr optimieren, noch stärker „perfektionieren“ sollen. Er bezog alles auf seinen Arbeitsstil.

Ich verstand und fühlte, was er meinte. Diese Mischung aus Stolz und Zweifel. Aus dem Gefühl, jahrelang etwas aufgebaut zu haben – und plötzlich nicht mehr sicher zu sein, ob es noch tragfähig ist.

Und ich antwortete ihm etwas, das er vermutlich nicht erwartet hatte: Dass ich nicht glaube, dass ihm ein paar technische Stellschrauben gefehlt haben. Nicht noch mehr Schärfe. Nicht noch mehr Kontrolle. Sondern eher das Gegenteil: Bewegung. Perspektivwechsel. Ein anderes Verhältnis zum Risiko. Dass er die Veränderung zum Teil seiner Arbeit selbst machen müsse.

Eine Zeit später hatte ich ein ähnlich gelagertes Gespräch – nur aus einer anderen Richtung. Mit einem Model, das ich sehr schätze. Jemand mit einem ganz eigenen Look, über Jahre sehr gefragt, gebucht für Workshops, Promotions, erste Kampagnen. Eine Zeit lang schien alles stabil: Der Wiedererkennungswert war hoch, das Bildmaterial vielversprechend, die Rolle in der man sie sah, klar. Und dann passierte etwas, das man im Nachhinein fast als Gesetzmäßigkeit beschreiben kann: Der Absprung stellte sich nicht ein. Zu wenig Variation. Zu viel Workshop-Ästhetik, die immer wieder dasselbe erzählte. Social Media eingeschlafen. Das eigene Profil – einst Stärke – wurde zur Sackgasse. Die Attraktivität für Marken, zu denen sie eigentlich gepasst hätte, rutschte weg. Und jetzt versucht sie, sich aus einem Tief herauszuarbeiten, das weniger mit Talent zu tun hat als mit einer verpassten Entwicklung.

Diese beiden Gespräche haben in mir etwas sortiert. Und sie führen direkt zu dem, was ich mit „rotem Faden“ meine.

Viele suchen den roten Faden dort, wo er am leichtesten zu erkennen ist: in einem wiederkehrenden Look, in denselben Motiven, in einer Handschrift, die sich über Jahre möglichst nicht verändern soll. Als müsste Fotografie immer gleich aussehen, um stimmig zu sein. Als wirke sie automatisch seriöser, wenn man „seinem Stil treu bleibt“ – wobei „treu“ am Ende oft einfach nur „gleich“ bedeutet.

Ich verstehe, woher das kommt. Wiedererkennung gibt Sicherheit. Für das Publikum, für Kund:innen, für Plattformen und nicht selten auch für einen selbst. Wer einmal etwas gefunden hat, das funktioniert, bleibt gern dabei. Man kann es verfeinern, glätten, perfektionieren. Man wird schneller, effizienter – und vor allem routinierter. Irgendwann merkt man, wie sich diese Sicherheit zunächst auszahlt. Die Umgebung reagiert mit Bestätigung; Likes und Follower kommen. Man hat’s geschafft.

Wiedererkennung ist eine harte Währung geworden. Nicht nur im Markt, sondern auch im Kopf. Ein Look lässt sich konkret beschreiben, verkaufen und einordnen. Er macht dich zu „dem Typen, der immer …“. Entwicklung dagegen ist schwierig. Entwicklung irritiert. Sie lässt sich nicht sauber verpacken. Und deshalb ist sie heute oft nur dann erlaubt, wenn sie niemanden stört – vor allem einen selbst nicht. Wenn sie sich wie ein Update anfühlt und nicht wie ein Kurswechsel.

Dabei ist es genau dieser Kurswechsel, der einen kreativen Prozess lebendig hält.

Ich sehe oft, wie Fotograf:innen und Künstler:innen sich an ein Genre klammern, an eine Ästhetik, an ein Thema. Sich regelrecht daran fesseln. Weil es Boden unter den Füßen gibt – manchmal sogar dann, wenn es ihnen längst nicht mehr wirklich entspricht. Man weiß, was man kann. Man weiß, wie man es macht. Man weiß, welche Reaktion es auslöst. Und ja, es gibt darin auch etwas Gutes: Disziplin, Handwerk, Wiederholung als Verdichtung.

Aber ich möchte eine Frage in den Raum stellen: Ist Perfektionierung immer Entwicklung? Oder ist Perfektionierung manchmal nur ein sehr elegantes Ausweichen?

Ich beobachte das als heimlichen Trick vieler kreativer Karrieren. Man wird besser in etwas, das man längst kann. Man wird präziser, geschmeidiger, kontrollierter. Und man vermeidet genau das, was man noch nicht kann. Das, was unbeholfen wirkt. Das, was neu riecht. Das, was einen wieder zum Anfänger macht. Anfänger sein fühlt sich nicht „seriös“ an. Anfänger sein fühlt sich an wie Risiko.

Und trotzdem ist es oft der einzige Ort, an dem wirklich etwas passiert.

Wenn ich über den roten Faden nachdenke, dann meine ich damit nicht die sichtbare Oberfläche. Nicht die Motivwahl. Nicht das Genre. Nicht den Look. Für mich liegt dieser Faden darunter. Er besteht aus etwas, das man schwerer greifen kann, aber sofort spürt, wenn man ihn entdeckt: aus der Art, wie jemand arbeitet. Was man zulässt. Was man aufnimmt. Was man verarbeitet. Was man bereit ist zu lernen. Wie man nach Inspiration sucht. Welchen Blick man auf Menschen, Orte, Ereignisse und Geschichten hat. Und wie sich dieser Blick im Laufe der Jahre verändert, ohne dass seine innere Ausrichtung verschwindet.

Wenn ich mich selbst beobachte, stelle ich es ungefähr so fest: Das, worüber ich erzählen möchte, bleibt erstaunlich konstant. Nur das Gefäß wechselt. In manchen Phasen trage ich es direkt durch einen Menschen – in Form eines Portraits. In anderen Phasen übernimmt ein Ort diese Rolle. Oder eine Stadt. Oder eine Stimmung. Es ist in meiner Fotografie oft so: Im Kern dessen, warum man überhaupt fotografieren möchte, steckt bereits, was und wie man fotografiert. Wenn ich gerne reise, möchte ich zeigen, was ich sehe. Ich möchte davon erzählen. Vielleicht nicht als Bericht, sondern als Gefühl. Aber das Bedürfnis bleibt verwandt.

Was nach außen wie Sprunghaftigkeit wirkt, ist innen oft nur eine Übersetzung.

Gleichzeitig muss man das unterscheiden von etwas anderem: von „mal dies, mal das“, weil man sich einfach nicht festlegen will. Der rote Faden ist kein Freifahrtschein für Beliebigkeit. Und Veränderung ist kein Abzeichen, das man sich anheftet, weil es gut klingt. Es reicht nicht zu sagen: „Ich habe keine Angst vor Veränderung – und wenn es nicht perfekt ist, umso besser.“ Das kann nach Selbstreflexion klingen, ist aber oft nur eine bequeme Ausrede, sich nicht wirklich zu konzentrieren – und sich nicht tief einarbeiten zu müssen.

Damit Entwicklung trägt, braucht sie Erfahrung und Souveränität. Nicht im Sinne von „alles im Griff“, sondern im Sinne von: Ich weiß, was ich tue, auch wenn ich Neuland betrete. Ich kann unterscheiden zwischen echtem Risiko und bloßer Unruhe. Ich kann Neues zulassen, ohne mich in Neuheit zu verlieren. Das ist Arbeit. Und das ist Verantwortung.

Ich kenne Künstler, die sich über Musik ausdrücken und das mal über Tanz tun, mal über Gesang, mal über ein Instrument. Die Musik bleibt. Die Form wechselt. Im Film ist es ähnlich. Nicht jede Person, die eine Geschichte erzählen will, muss Schauspieler sein. Manche schreiben Drehbücher. Manche führen Regie. Manche produzieren. Manchmal sogar der Reihe nach. Das wirkt nicht unentschlossen. Es ist eine Entscheidung für eine andere Perspektive – vielleicht sogar die einzig logische, um am Ende überhaupt erzählen zu können, was erzählt werden muss.

Für mich ist ein roter Faden kein Nagel in der Wand. Kein Fixpunkt, der beweisen soll: Seht her, ich bin immer derselbe. Ein roter Faden ist etwas, das läuft. Manchmal gerade. Manchmal in Schleifen. Manchmal mit Knoten. Aber immer in Bewegung. Und Bewegung ist nicht das Gegenteil von Klarheit. Bewegung ermöglicht Klarheit, weil sie neue Perspektiven eröffnet.

Wenn ich mir meine eigene Entwicklung in der Fotografie über die vergangenen dreißig Jahre ansehe – und eigentlich noch ein paar Jahre dazu, in denen ich auf meinen ersten Reisen einfach nur herumgeknipst habe – dann sehe ich keine gerade Linie. Ich sehe Rucksackreisen. Bergsteigen. Abenteuer. Ich sehe Familie und engste Freunde in gemeinsamen Momenten. Ich sehe Portraits. Und ich sehe, dass ich im Verhältnis zu vielen anderen Fotografen gar nicht so viele Modelle hatte. Nicht, weil ich weniger Menschen fotografieren wollte, sondern weil ich dieselben Menschen manchmal so und manchmal so zeigen wollte – statt einen großen Durchlauf an „Material“ zu produzieren, das am Ende fast immer gleich aussieht.

Fotografie ist für mich ein Versuch, die Welt zu verstehen und mich mit ihr auseinanderzusetzen. Der Perspektivwechsel, die Bewegung, das Wechseln des Gefäßes ist dafür elementar. Als Versuch, näher heranzukommen – oder anders heranzukommen.

Und dann gibt es Dinge wie mein Istanbul-Projekt.

Wenn ich dieses langfristige Projekt neben meine Einzelshootings lege, könnte man meinen, das seien zwei Welten. Es ist anders. Es fordert mich anders. Es zwingt mich zu Neu-Beginn und Neu-Lernen. Es ist langsamer, langwieriger, tiefer. Auch riskanter. Es bringt mich in Situationen, in denen ich nicht „meinen Stil“ abrufe, sondern mich neu orientieren muss. Und ja – wenn ich ehrlich bin – macht mich das manchmal nervös. Manchmal wird mir schwindelig bei dem Gedanken, wie viel ich noch nicht weiß, wie viele Entscheidungen offen sind, wie viele Wege ich noch nicht gegangen bin.

Aber genau dieser Schwindel ist ein Hinweis darauf, dass ich mich bewege.

Beim genaueren Vergleich merke ich: Ich tue im Grunde genau das Gleiche wie seit Jahrzehnten. Nur benutze ich andere Mittel. Ich singe nicht mehr. Ich tanze nicht. Ich spiele ein Instrument. Oder ich fange an zu komponieren. Ich stehe nicht auf der Bühne. Ich sitze vielleicht in der Regie. Oder ich schreibe das Drehbuch zu einem Stück, das ich aufführen möchte. Das Ziel bleibt verwandt: eine Geschichte zu erzählen, die sich echt anfühlt. Nur die Form wechselt, weil die Geschichte eine andere Erzählform verlangt.

Was dabei oft missverstanden wird: dass der rote Faden etwas ist, das man beweisen muss, indem man sich wiederholt. Dabei ist der rote Faden manchmal genau das, was dich davor bewahrt, dich zu wiederholen.

Was mir außerdem wichtig ist: Ich bin kein Fan davon, das laut zu propagieren. Dieses „Hier bin ich – Achtung, jetzt komme ich“ löst bei mir fast körperliches Unbehagen aus, wenn ich es bei jemandem beobachte. Der rote Faden ist für mich nicht das, was man nach außen aufbläst, sondern der Zweck, der Grund, der innere Nutzen einer Handlung – und der darf völlig unauffällig im Hintergrund stehen.

Mir kommt dabei unweigerlich das Billy-Bücherregal in den Kopf. In seiner Schlichtheit kaum zu unterbieten, in seiner Effizienz – dem Tragen von Büchern – kaum zu schlagen. Es schreit nicht. Es muss nichts beweisen. Es erfüllt seinen Zweck. Und für mich ist das ein gutes Bild: Der rote Faden muss nicht laut sein. Er muss sich nicht ständig erklären. Er muss nur tragen – und dabei helfen, dass etwas eine Richtung behält, auch wenn sich die Form verändert.

Ein Neuanfang ist dabei kein Bruch. Ein Neuanfang ist ein Teil von Veränderung. Für viele wirkt ein Neuanfang wie ein Rückschritt. Und Veränderung wird schnell als Bedrohung gesehen. Dabei ist sie schlicht der Preis für Entwicklung. Ohne Veränderung bleibt alles im selben Raum. Man räumt vielleicht auf. Man stellt Möbel um. Man streicht die Wand. Aber man verlässt das Zimmer nicht.

Ich glaube, das ist der entscheidende Punkt: Der rote Faden ist nicht die Antwort auf alles. Aber es ist dieses Etwas, zu dem ich immer wieder zurückkehre – nur mit anderen Werkzeugen in der Hand. Manchmal mit einem Portrait. Manchmal mit einer Straße. Manchmal mit einer Stadt, die sich wie ein Portrait verhält. Und manchmal mit dem Mut, wieder nicht zu wissen, wie es geht.

Das wirkt von außen nicht immer stimmig und ruhig, und es ist auch nicht immer leicht einzuordnen. Für mich ist es aber das Gegenteil von Sprunghaftigkeit. Es ist Konsequenz. Nicht einfach ein Look-Wechsel.

Und wenn es so etwas wie Seriosität in kreativer Arbeit gibt, dann liegt sie vielleicht nicht darin, dass man sich selbst treu bleibt, indem man gleich bleibt. Sondern darin, dass man sich selbst treu bleibt, indem man sich erlaubt, weiterzugehen.

 

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Fragments of Light Nº 14: Zehn Jahre später - Ein Gespräch über Fotografie, Zeit und Erkenntnis