Fragments of Light Nº 13: Perrine
Ich verwende das Wort Muse bewusst.
Auch nach längerer Überlegung.
Weil es aus heutiger Sicht nicht mehr ganz zeitgemäß klingt, vielleicht sogar ein wenig aus der Zeit gefallen ist.
Ich mag dieses Wort, weil es schön klingt. Weil es , einmal ausgesprochen, im Raum steht. Und weil es etwas mit sich trägt, das älter ist als unsere gegenwärtigen Begriffe von Inspiration, Produktivität oder Output. Ein Wort, das man nicht effizient benutzt, sondern behutsam. Ich glaube, ich mag es auch gerade deshalb, weil es altmodisch ist. Es gibt kein anderes Wort, das so genau beschreibt, was ich hier meine.
Der Begriff wurde über die Jahrhunderte romantisiert, überhöht, missverstanden. Zu oft wurde er zur Projektionsfläche für Interpretationen. Als würde man von etwas Mystischem sprechen, von dem es nie Belege gab. Wie bei den Sirenen. Oder bei den Bildern, die manche im Kopf haben, wenn sie das Wort Harem hören.
2022
Und doch gibt es Menschen, mit denen sich über Jahre hinweg etwas entwickelt, das sich nur schwer anders benennen lässt.
Im Frühjahr 2018 stieß ich auf Perrines Instagram-Profil. Ich war noch recht neu in der Porträtfotografie. Ein paar Shootings hier und da, ein oder zwei Workshops, viel Neugier, wenig Erfahrung. Rückblickend war vieles amateurhaft. Es gab Begegnungen, es gab Bilder – aber kaum welche, die wirklich herausstachen. Ich wühlte mich so durch. Wie jemand, der gerade ein Musikinstrument erlernt und sich Stück für Stück durch seine Lieblingslieder spielt.
Perrine hatte damals nur ein paar mit dem iPhone gemachte Postings online. Vielleicht ein richtiges Shooting. Mehr nicht. Ich schrieb sie an, wir verabredeten uns.
Es gibt diese seltenen Momente, in denen man sich zum ersten Mal begegnet und sofort spürt: Hier steht nichts zwischen uns. Keine Fassade, kein vorsichtiges Abtasten. Nicht einmal ein kleines Mäuerchen. Vielleicht auch wegen eines gemeinsamen kulturellen Hintergrunds. Vielleicht einfach, weil es passte. Ein natürliches, selbstverständliches Wir, das sich nicht erklären musste.
2018
Wir begannen zu fotografieren. Outfit für Outfit, Set für Set. Und plötzlich war da dieses Gefühl, einen Rohdiamanten vor sich zu haben. Nicht im Sinne von Perfektion, sondern von Möglichkeit. Ich verstand sehr schnell, dass sie auf ihrem Weg genauso weit war wie ich auf meinem. Vielleicht dachte sie damals weniger in langen Zeitlinien, weniger an eine Zukunft als Model. Vielleicht war ihr diese Reise noch nicht so wichtig wie mir. Aber in diesem Moment waren wir beide elektrisiert. Und vor allem spürten wir keinen Druck. Nur dieses Gefühl von Schaffensenergie.
Wir standen nebeneinander und blickten immer wieder gemeinsam auf das Display meiner Kamera. Und freuten uns – tatsächlich – wie Teenager über das, was da entstand.
An diesem Tag spürte ich zum ersten Mal, welchen Einfluss eine bestimmte Art von Verbindung auf Bilder haben kann. Und im Laufe der Jahre zeigte sich in unseren gemeinsamen Arbeiten immer deutlicher so etwas wie ein Wasserzeichen. Ein Fingerabdruck. Etwas, das niemand sonst auf diese Weise herstellen könnte. Nicht, weil die Bilder aufwendiger oder besser gewesen wären. Sondern wegen der Art, wie wir miteinander arbeiteten. Wie kompromisslos Perrine sich in Ideen hineinbegab, sie zu ihren eigenen machte, ich meinen Teil hinzufügte – und wir beide in etwas Gemeinsames einzahlten.
2021
Menschen verändern sich. Und mit ihnen verändern sich die Bilder. Unsere waren über die Jahre mal leicht, mal schwer. Manchmal lag Melancholie darin, manchmal Euphorie. Und manchmal war da einfach nur dieses Im-Moment-Sein. Ohne Richtung. Ohne Absicht. Ohne Erwartung an den anderen.
Vielleicht bewirkt eine Muse nicht, dass etwas völlig Neues entsteht, sondern vielmehr, dass etwas nicht verloren geht. In dem Moment, in dem mir dieser Gedanke kommt, entgleitet mir schon wieder, wie ich ihn genau fassen könnte. Aber genau so ist auch das Arbeiten mit Perrine. Dass man, wenn man zu weit hinausgeschwommen ist, wieder an einen Ort zurückkehren kann, an dem man stehen kann. Ich glaube, das ist es, was sie getan hat, wenn ich sie gebraucht habe.
Wir lebten fotografisch nebeneinander her. Sie modelte, ich fotografierte. In Abständen trafen wir uns wieder. Immer dann, wenn wir das Gefühl hatten, einander zu brauchen. Ich vermutlich öfter sie als sie mich.
Wenn ich vor einer Mauer stand, half sie mir hindurchzugehen. Wenn ich mich verirrte oder mich in meinem Tun verrannt hatte, traf ich sie an einer Wegscheide. Wir gingen gemeinsam zurück zu einem sicheren Ausgangspunkt – und von dort wieder auf einen Pfad mit fester Richtung.
2025
Zu sagen, sie habe mich all die Jahre inspiriert, wäre zu flach. Sie hat mich ergänzt. Dort, wo mir etwas fehlte, um eine Idee oder einen nächsten Schritt zu vervollständigen, stellte sie sich hinein.
Vielleicht ist das näher an dem, was Rainer Maria Rilke meinte, wenn er davon schrieb, dass Kunst Zeit braucht – und Menschen, die bleiben, während man noch nicht weiß, was man eigentlich sucht. Und näher an dem Gedanken, den Patti Smith einmal formulierte: nicht gegenseitige Inspiration, sondern gegenseitige Ermöglichung.
Im Laufe der Jahre kamen andere Menschen dazu. Ehrliche, enge, liebevoll freundschaftliche Beziehungen, die inspirierend und produktiv sind. Aber diese eine Verbindung ist geblieben. Auch dann, wenn wir uns fast ein Jahr lang nicht sehen. Auch jetzt, wo unser letztes Shooting schon lange zurückliegt.
Und gerade deshalb ist sie stärker als je zuvor.

