Compendium Nº 3 — PERSONAL – Über Fotografie, das Ungelebte und ein Gespräch mit Vincent Peters

Oktober 25.

Auf dem Rückweg von Istanbul nach Frankfurt.
Im Flugzeug öffne ich mein Notizbuch und beginne, eine Gesprächsstruktur zu skizzieren. Fragen, die ich an Vincent habe – und Gedanken, die ich mit ihm teilen möchte. Ideen, die uns in einen echten Austausch führen könnten.

Wie spricht man mit einem so bekannten Fotografen über seine Arbeit – auf eine Weise, die ihn einlädt, mehr zu erzählen als das, was er schon unzählige Male gesagt hat?
Ich will kein Interview führen. Ich will ihn zum Nachdenken bringen. Zum Erzählen. Zum Erinnern.

Der Flug dauert etwa zwei Stunden und 45 Minuten.
Zwei Stunden davon habe ich meinen Stift nicht aus der Hand gelegt.
Am Ende bin ich überrascht davon, wie viele Gedanken schon da waren, bevor das Gespräch überhaupt begonnen hatte.

Man kann nicht über das Buch Personal schreiben, ohne über Vincent Peters zu schreiben. Nicht über seine Technik. Nicht über seine Modelle. Man muss darüber schreiben, was ihn bewegt. Worüber er nachdenkt. Was er sieht – oder nicht sehen will. Denn das Buch ist nicht nur eine Sammlung von Porträts. Es ist ein Spiegel. Eine Reflexion. Es zeigt nicht nur, wer vor der Kamera stand, sondern wie dieser Moment entstehen konnte. Und warum er bleibt, wenn man es schon lange zugeklappt hat.

November 2025.

Paris und Frankfurt. Zwei Städte, zwei Stimmen am Telefon. Wir sprechen miteinander – ohne Kamera, ohne Bild. Und doch entsteht sofort eines vor meinem geistigen Auge. Nicht von ihm. Sondern von dem, was sich zwischen uns entfaltet. Ich möchte mit ihm über sein Buch Personal sprechen, so starte ich unsere Verabredung.

Unser Einstieg ist zufällig und persönlich zugleich: Viktoriia. Ein Model. Wir beide haben mit ihr gearbeitet – er in Paris und Venedig, ich später in Sardinien und in Frankfurt. Und wir sehen sie beide auf die gleiche Weise. Hier betreten wir auch schon den ersten Raum unseres Themas. In unserer Erinnerung an sie liegt dieselbe Spur. Ihr Gesicht trägt etwas in sich, das sich nicht herstellen lässt. Kein kalkulierter Blick. Keine Pose für die Galerie. Sondern etwas Inneres, das durchscheint. Vincent sagt: „Sie hat diese Energie.“ Etwas Bleibendes. Auch wenn man längst schon wieder woanders ist.

Und wir sind uns schnell einig: Viele fotografieren sie äußerlich. Am liebsten nackt. Oder wenigstens halb. Ein Bild mitnehmen, wie eine Trophäe. Wie Touristen, die ein Wahrzeichen besuchen und glauben, sie hätten die Stadt verstanden. Aber es gibt Orte – und Menschen –, die erschließen sich nicht im Vorbeigehen. Man muss eintauchen. Und da sind wir auch schon mitten im Thema.

Viktoriia Sardinien 2024, Selim Say

Notizen, die über den Rand laufen
Ich sitze an meinem Tisch, neben mir mein Notizbuch. Ich schreibe viel. Schnell. Oft einfach blind, über das bereits Geschriebene hinweg. Seite zwei schon, und wir sind noch in der ersten Viertelstunde. Denn wenn ich über Personalschreiben will, muss ich mehr notieren als Daten, Fakten, Zitate. Ich muss die Gedanken mitschreiben. Die Nebenpfade.

Was Vincent sagt, ist nicht nur Reflexion über Fotografie. Es ist ein Nachdenken über Beziehungen. Über das Leben. Über das, was uns trägt – oder zurückhält. Über das Woher wir kommen und wohin wir gehen. Wir kreisen um Fragen, die keine einfachen Antworten haben. Warum berührt uns ein Gesicht? Warum bleibt ein Bild? Wann wird Fotografie mehr als das Festhalten eines Moments?

Literatur als Tiefenschärfe
Über Fotografie zu sprechen, heißt auch, über das Leben zu sprechen. Über Erinnerung. Verlust. Sehnsucht und Verbindung. Wir reden über Proust. Über Rilke. Über Dostojewski. Nicht, um mit unseren Kenntnissen über die Weltliteratur zu trumpfen. Sondern weil ihre Bücher etwas enthalten, das auch in einem Bild auftauchen kann – wenn man es zulässt.

Quelle: Archiv Vincent Peters

„Man muss den Dingen die eigene, stille, ungestörte Entwicklung lassen“, zitiert Vincent Rilke. Er sagt das nicht beiläufig, sondern wie jemand, der das Warten kennt. Der weiß, dass Tiefe Zeit braucht. Dass die richtigen Bilder nicht in Minuten oder Stunden entstehen. Sondern eben im richtigen Moment. Das, was wir lesen, die Menschen, die wir treffen, die Erinnerungen, die in uns arbeiten – alles fließt ein in das, was wir fotografieren. Und was wir noch nicht gelebt haben, lebt manchmal durch ein Bild in uns weiter.

„Die Zukunft steht fest“, sagt Vincent, „aber das Jetzt ist offen.“ Ein Gedanke, der mich noch Stunden nach unserem Gespräch nicht mehr loslässt. Vielleicht ist das Bild auch ein Versuch, das Offene festzuhalten, bevor es sich verfestigt. Wir gehen in unserem Gespräch weiter von Raum zu Raum im Haus der Themen.

Intimität ist kein Effekt
Intimität ist kein Trick. Kein Stilmittel. Sie lässt sich nicht herstellen wie ein Lichtsetup. Sie ist flüchtig. Sie entsteht nicht durch Routine – sondern durch Vertrauen, Geduld, und durch das, was zwischen zwei Menschen im Raum entsteht, wenn eine Atmosphäre entsteht, in der das Ungeplante willkommen ist.

„Die meisten Menschen zeigen dir nur eine Version von sich, die sie sich selbst erzählen“, sagt Vincent. Sich dessen bewusst zu sein, erfordert eine beinahe mönchshafte Geduld. „Aber irgendwann, wenn sie müde sind vom Erzählen, passiert es. Du siehst, was drunter liegt.“

Hinzu kommt die Intuition. Nicht als Talent, sondern als Erfahrung, gespiegelt in Nuancen. Eine Vorausahnung, geboren aus Zurückhaltung. Ich glaube nicht, dass Vincent in das Innere eines Menschen eindringen muss, um ein gutes Porträt zu machen. Aber er kann einen Raum öffnen. Einen neutralen Ort schaffen. Eine Art dritten Ort – jenseits von Fotograf und Modell. Wenn dieser Ort da ist, kann etwas passieren. Und Vincent scheint genau das zu meistern. So gut, dass das Bild entsteht, weil der Moment es zulässt.

Das Bild, das nicht passiert – und dann doch
Vincent beschreibt, wie er manchmal einfach wartet. Alles ist vorbereitet. Set. Licht. Outfits du Styling. Aber nichts geschieht. Kein Bild entsteht. Dann stellt er eine Frage. Keine große. Keine, die sich auf das Shooting bezieht. Etwas wie: „Was fehlt dir gerade am meisten?“

Und plötzlich verändert sich etwas. Die Körperhaltung. Die Hände. Der Blick. Und dann: das Bild. Manchmal macht er dasselbe Bild fünfmal. Von außen kaum ein Unterschied. Aber für ihn liegt zwischen dem dritten und dem fünften eine kleine Wahrheit die nur er empfindet. Solche kamen in das Buch.

Technik als Bühne, nicht als Inhalt
Wir sprechen auch über Licht. Über Komposition. Schwarzweiß. Nuancen. Ich arbeite viel mit natürlichem Licht. Vincent kontrolliert, setzt gezielt. Und doch sind wir uns einig: Kein Licht, keine Kamera, keine Nachbearbeitung rettet ein Bild, wenn die Atmosphäre fehlt.

Die Technik ist Bühne. Aber das Entscheidende ist das, was darauf geschieht. Viele beherrschen Licht, Kamera, Bildbearbeitung perfekt. Aber ihnen fehlt das eine Element, das nicht lehrbar ist. Das entsteht in der Situation, mitten aus dem Moment heraus.

Quelle: Archiv Vincent Peters

Vincent fotografiert seit Jahrzehnten auf 120er Analogfilm, mit einer Mamiya RZ und einer 110er Linse. Es hat etwas vom alten Handwerk. Aber es ist mehr als das. Ich verstehe es als Kontrapunkt zu unserer heutigen Optimierungsobsession – digital, perfekt, planbar. Es ist eine bewusste Imperfektion, ein „Nichtwissenwollen“, das Warten, die Offenheit für das Unkontrollierbare.

Was ein Bild tragen kann
Ein gutes Bild zeigt nicht nur, wer oder was jemand ist. Sondern vielleicht auch, was er nie geworden ist. Oder was er sein könnte. Das, was fehlt. Das Ungelebte. Aber nicht als Mangel, sondern als Teil eines Ganzen.

Vincent sagt: „Wenn etwas zu sehr funktioniert, ist es oft nicht echt genug.“ Oft ist das Bild das Richtige, das man beinahe gelöscht hätte.

Personal – das Persönliche im Ungeplanten
Ich frage ihn, warum das Buch Personal heißt. „Weil es das ist“, sagt er. Persönlich.

Viele der Bilder waren nie für die Öffentlichkeit gedacht. Sie sind einfach passiert. Zwischen zwei Sets. Hinter den Kulissen. Ohne den kompletten Lichtaufbau. Ohne Planung. Ohne Ziel. Und gerade deshalb wirken sie. Weil sie nicht mehr erzählen müssen. Eher welche die mit einem „lass und noch ein paar einfach so machen“.

Schönheit ohne Rezept
Wir reden über Schönheit. Was sie für ihn ist. Und für mich. Und warum sie sich nicht auf die Oberfläche reduzieren lässt. Nicht auf Linien, Proportionen, Licht. Schönheit ist nicht glatt. Sie ist eine Geschichte, die noch nicht zu Ende erzählt ist. Ein Widerspruch, den man nicht auflöst. Eine Spannung, die bleibt, weil sich der Betrachter hineindenken muss.

Eine Zwischenfrage, die bleibt
In Personal begegnet man vielen Schönheiten. Schauspielerinnen, Models, Gesichter in perfektem Licht, Posen voller Kontrolle. Und plötzlich, mittendrin: Monica Bellucci – mit einem Kleinkind im Arm. Ein anderes Bild zeigt eine Frau mit ihrem Sohn im Bett. Oder ein Mädchen, das gedankenverloren auf einem Tisch sitzt. Bilder, die herausfallen. Sie wirken beinahe hineingepresst in die Choreografie der Inszenierungen.

Quelle: Archiv Vincent Peters

Ich habe lange überlegt, wie ich das einordnen soll. Ist es eine bewusste Störung? Eine Zäsur? Ein Statement? Vielleicht, weil die Bilder nicht nur von Schönheit im klassischen Sinn handeln, sondern auch von Verbindung. Die Bilder in diesem Buch folgen keiner Dramaturgie, sondern einer Biografie. Sie erzählen nicht die Geschichte einer Serie, sondern die Geschichte eines Lebens mit der Kamera. Da gehören auch Momente dazu, die nicht in ein perfektes Konzept passen.

Ich weiß bis heute nicht, ob mich diese Bilder im Buch stören. Aber vielleicht ist das genau ihre Funktion. Momente, die für ihn eine persönliche Bedeutung haben. Und auch wenn es im Verhältnis zu den anderen Aufnahmen nur wenige sind – sie stellen Fragen. Und vielleicht ist das ihre Aufgabe.

Kein Punkt
Als wir uns verabschieden, schließen wir nichts ab. Wir setzen keinen Punkt. Keinen finalen Satz. Wir lachen darüber, wie schnell die Zeit vergeht, und dass es noch viel mehr gibt, worüber wir sprechen könnten. Aber ich muss zum Ende kommen. Ich sehe auf mein Notizbuch. Seite vier oder Fünf. Viele der Gedanken stehen quer über alte Sätze geschrieben.

Nach unserem gespräch denke ich an Vincent. An das, was er gesagt hat. An seine Kamera, die ihn seit Jahrzehnten begleitet. An seine Bilder, in denen man etwas erkennt, das mehr ist als ein Gesicht.

Ich frage mich: Gilt für ihn eine andere Zeitrechnung? Und was bedeutet es für meine eigene Fotografie, wenn die Zukunft feststeht – aber das Jetzt offen ist? Ich glaube es geht genau darum: Nicht das Perfekte festzuhalten. Sondern das Offene. Bevor es sich verfestigt.

Ein Gedanke, der mich begleitet. Auch beim nächsten Bild, das ich mache.

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