Fragments of Light Nº 17: Ara - Dazwischen verwurzelt.

Der Koffer liegt noch offen auf dem Bett. Die Wäsche ist draußen, die Kamera wieder verstaut. Ich klappe den Laptop auf. Für einen Moment sehe ich mein Spiegelbild im dunklen Bildschirm, dann öffne ich ein leeres Dokument.

Vor ein paar Stunden war ich noch in Istanbul. Jetzt sitze ich wieder hier, in Frankfurt, und versuche, einen ersten Satz zu finden. Ich denke an das Wasser, den Bosporus, das goldene Horn, an die Überfahrten auf der Fähre. Ich versuche mich an den Lärm zu erinnern. Dieses permanente Durcheinander an Geräuschen in allen Lautstärken. Daran, wie viel ich noch immer in ihr suche.

Dann beginne ich zu schreiben.

Wäre ich eine Pflanze und man würde mich ausgraben, müsste man vorsichtig sein. Mein Wurzelwerk reicht weiter, als man es über der Erde vermuten würde.

Ein großer Teil liegt in Deutschland. Hier bin ich geboren und aufgewachsen. Hier lebe ich, hier habe ich eine Familie gegründet, gearbeitet und meinen Alltag eingerichtet. Dieser Boden nährt mich und auch ich ihn. Aber einige feine, lange Wurzelfäden reichen bis dorthin, woher meine Eltern und meine Vorfahren kommen. In meiner Vorstellung liegen an ihren Enden kleine Knollen. Darin ist etwas gespeichert: Kultur, Erinnerungen, eine Mentalität, eine Gefühlswelt. Dinge, die über Generationen gewachsen sind und deren Bedeutung für mich ich erst langsam und vor allem erst nach Jahrzehnten zu verstehen beginne.

Lange hat mich dieses Wurzelwerk wenig beschäftigt. Ich habe mich um das gekümmert, was an der Oberfläche wächst und blüht.

Meine Eltern gehörten zur ersten Gastarbeitergeneration. Sie waren westlich orientiert, sprachen früh gut Deutsch und fanden sich in Deutschland zurecht. Für das, was man heute Integration nennt, hätten wir wahrscheinlich fünf von fünf Sternen bekommen. Mein Leben fand hier statt. Erwachsen werden, Familie, Beruf. Dazu das Unterwegs sein, meine Zeit in den USA, die vielen Dinge, die ein Leben so füllen. Meine Herkunft war da, aber ich ging ihr nicht nach. Ehrlich gesagt interessierte sie mich lange nicht besonders.

Irgendwann änderte sich das. Zunächst war es eher ein Gedanke, der immer wiederkam. Dann wurde daraus das Bedürfnis, diesen Wurzeln zu folgen und nachzusehen, was dort eigentlich liegt.

2024 stieg ich ins Auto und fuhr von Frankfurt nach Istanbul. Entlang der alten Route in die Heimat, wie sie für die Generation meiner Eltern hieß. Ich reiste auch innerhalb der Türkei weiter, aber schon auf dem Weg nach Istanbul begann sich etwas zu regen. Kilometer für Kilometer kam ich etwas näher, für das ich noch keinen richtigen Namen hatte.

Während dieser Reise stieg ich irgendwann, wie so oft zuvor auf eine Fähre und schaute aufs Wasser über den Bosporus. Diesmal fühlte es sich anders an. Ich hatte das Gefühl, in die Nähe von etwas zu kommen, das ich vergessen hatte. Vielleicht auch von etwas, das ich nie bewusst gekannt hatte und das trotzdem zu mir gehörte.

Ich dachte viel darüber nach, was Heimat heutzutage bedeutet. Und landete bei dem Begriff  Herkunft. Und mir wurde klar, dass ich zwischen diesen beiden Dingen lebe.

Meine eigene Geschichte beginnt 1971 in Frankfurt. Aber wie viel von dem, was mich ausmacht, hat lange vorher begonnen? In den Leben meiner Eltern, meiner Großeltern, in einer Sprache, in Gewohnheiten und Vorstellungen, die schon da waren, bevor es mich gab? Was davon trage ich mit mir, ohne es überhaupt zu bemerken?

Mit diesen Fragen begann ich, Istanbul anders aufzusuchen. Ich suchte Orte und Empfindungen, die meine Verbindung zu dieser Stadt spürbarer machten. Kleine Funken. Etwas, auf das ich reagierte, manchmal ohne zu verstehen, weshalb.

Aus gelegentlichen Besuchen wurden regelmäßige Reisen. Inzwischen bin ich fast jeden zweiten Monat dort. Ich nahm irgendwann meine Kamera mit, fotografierte, lernte andere Fotografen kennen. In meinem Leben war ich bestimmt schon über 100 Mal in Istanbul und meist auf immer den selben Pfaden. Jetzt, begann ich Orte zu entdecken, an denen ich noch nie gewesen war, und fand andere wieder, die ich vergessen hatte. Mit jedem Besuch veränderte sich mein Blick ein wenig. Je mehr ich über die Stadt erfuhr, desto länger beschäftigte sie mich auch nach meiner Rückkehr. Die Fragen nach ihr und die Fragen nach mir ließen sich immer weniger voneinander trennen.

Natürlich spielen dabei auch die Debatten über Migration, Integration und Zugehörigkeit eine Rolle. Ich habe die deutsche und die türkische Staatsbürgerschaft. Das beantwortet eine formale Frage. Was es bedeutet, sich verbunden zu fühlen, lässt sich damit nur begrenzt beschreiben. Mich beschäftigt, was zwischen Herkunft und Heimat liegt, zwischen Vaterland und Muttersprache, zwischen dem Wunsch dazuzugehören und dem Bedürfnis, etwas Eigenes zu sein.

Aus dieser Beschäftigung entstand mein Fotografieprojekt Ara.

Den Namen fand ich nach einigen Wochen der Suche. Ara steht für mich für den Zwischenraum, für das Dazwischen. Dass er auch an Ara Güler erinnert, dessen jahrzehntelange fotografische Arbeit über Istanbul mich begleitet, ist eine schöne Verbindung. Ausschlaggebend aber war die Bedeutung, die das Wort für mein eigenes Vorhaben hat.

Ich finde dieses Dazwischen in mir und in der Stadt. In Istanbul liegen Geschichte und Gegenwart oft so dicht beieinander, dass ich sie kaum auseinanderhalten kann. Religiöse Traditionen, modernes Leben, der Blick nach Westen, die Verbindungen nach Osten: All das begegnet mir gleichzeitig. Und ich bewege mich darin mit einer Nähe, die durch meine Familie gegeben ist, und mit der Distanz eines Menschen, dessen Alltag anderswo liegt.

Irgendwann fiel mir auf, dass Istanbul meine Ankunft nicht bemerkt. Meine Abreise ebenso wenig. Die Stadt macht einfach weiter. Zunächst hatte dieser Gedanke etwas Ernüchterndes. Inzwischen tröstet er mich. Auch die Menschen, die dort leben, sind Teil eines Ganzen, das wegen ihrer Anwesenheit oder Abwesenheit nicht innehält. Dass Istanbul mich nicht vermisst, macht meine Verbindung zu ihr nicht kleiner.

Ara entsteht aus diesem Verhältnis. Ich fotografiere und schreibe über Empfindungen, Erinnerungen und Gedanken. Manchmal bringt ein Bild einen Gedanken hervor. Manchmal begleitet mich ein Gedanke so lange, bis ich etwas sehe, das ihm entspricht. Die Texte und Fotografien entstehen miteinander. Dabei darf zwischen ihnen auch etwas offenbleiben.

Zum ersten Mal seit vielleicht zwanzig Jahren fotografiere ich wieder wirklich nur für mich. Natürlich möchte ich die Arbeit und Gedanken auch teilen. Ich denke an ein Buch, freue mich auf mögliche Vorträge, vielleicht wird es irgendwann eine Ausstellung geben. Aber beim Fotografieren steht zunächst meine eigene Beziehung zu dem im Vordergrund, was ich sehe.

Visuell unterscheidet sich diese Arbeit deutlich von meiner Porträtfotografie. Die Bilder sind atmosphärisch, organisch, überwiegend in Farbe. Mich interessiert, was zu mir spricht. Das kann etwas so Alltägliches sein, dass man daran vorbeigehen würde. Ich suche einen emotionalen Kontakt. Ob daraus ein Bild entsteht, das auf den ersten Blick Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist für mich zweitrangig. Keine Candid Street Photography Momente, keine visuellen Kunststücke.

Manche dieser Fotografien wirken einzeln vielleicht gewöhnlich oder sagen einem anderen Menschen zunächst wenig. Sie brauchen ihre Nachbarn, eine Reihenfolge, manchmal einen Text. Mich interessiert zunehmend, wie ein Bild das nächste verändert und wie zwischen ihnen etwas spürbar wird, das keines allein ausdrücken könnte. Ein einzelnes Foto muss nicht alles tragen, was ich mit dieser Arbeit erzählen möchte. Und hin und wieder bin auch ich darin zu sehen, als Spiegelung oder Reflektion.

Es gibt Bücher und Arbeiten, zu denen ich dabei zurückkehre. Texte von Orhan Pamuk, Fotografien von Ara Güler, die Erzählungen von Reisenden und die Arbeit von Historikern. Sie verändern meinen Blick und machen mich auf Dinge aufmerksam. Was ich schließlich fotografiere, muss jedoch eine eigene Verbindung zu mir haben.

Immer wieder nehme ich auch Robert Franks The Americans in die Hand. Meine Arbeit mit seiner zu vergleichen, liegt mir fern. Mich beschäftigt daran die Frage, wie Fotografien zusammen eine Geschichte erzählen. Wie viel durch ihre Auswahl und ihre Reihenfolge entsteht und wie wenig es manchmal braucht, damit etwas bleibt.

Gerade in einer Zeit, in der sich mühelos Hunderte Bilder am Tag machen lassen, wünsche ich mir für Ara eine überschaubare Sammlung. Vielleicht ein paar Dutzend Fotografien, verbunden mit Texten. Auch das Auswählen gehört für mich zur Suche: herauszufinden, welche Bilder über meine eigene Erinnerung an den Moment hinaus etwas tragen.

Wenn diese Geschichte irgendwann eine Form gefunden hat, wird vieles von dem, was sie zeigt, bereits Vergangenheit sein. Die Stadt wird sich weiterbewegt haben, und ich vermutlich auch. Festgehalten wäre dann ein Abschnitt unserer Beziehung. Eine Zeit, in der ich begonnen habe, genauer hinzusehen. Auf das, was unter der Oberfläche liegt.

Und auf das „Dazwischen“ in dem mein Platz im Leben ist.

 

 

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