Bis man sich sieht, Kim Höhnle
Zur Einleitung.
Es gibt Menschen, denen man nie begegnet ist und von denen man trotzdem das Gefühl hat, sie schon ziemlich lange zu kennen.
Kim Höhnle ist so ein Mensch für mich.
Ich weiß nicht mehr genau, wann mir ihre Bilder zum ersten Mal begegnet sind. Irgendwann, vor vielleicht zehn Jahren, waren sie einfach da. In meinem Instagram-Feed, zwischen all den anderen Fotografien, die man täglich sieht, kurz betrachtet, manchmal bewundert und meistens wieder vergisst.
Ihre Bilder haben mir aber nicht einfach nur gefallen. Sie hatten etwas, das mich neugierig auf den Menschen machte, der sie fotografiert hatte.
Ich wollte wissen, wer diese Fotografin ist. Was in ihrem Kopf vorgeht. Wie man auf solche Bilder kommt und weshalb man sich entscheidet, Menschen auf diese Weise zu zeigen.
Barbara & Clara
Bei manchen Porträts habe ich das Gefühl, zwei Menschen zu begegnen. Dem Menschen vor der Kamera und demjenigen dahinter. Der eine zeigt sich, der andere zeigt, wie er ihn sieht. Und manchmal ist in einem einzigen Bild erstaunlich viel von beiden enthalten.
Bei Kims Fotografien ging es mir von Anfang an so.
Ich betrachtete die Menschen auf ihren Bildern und fragte mich gleichzeitig, was Kim in ihnen gesehen hatte. Was sie während dieser Begegnungen empfunden haben musste. Was zwischen ihr und diesen Menschen geschehen war, bevor sie auf den Auslöser gedrückt hatte.
Ihre Bilder machten mich neugierig auf sie.
Wir folgten uns gegenseitig, kommentierten unsere Arbeiten, schrieben uns gelegentlich Nachrichten und schickten uns irgendwann auch längere Sprachnachrichten. So entwickelte sich über die Jahre eine Bekanntschaft, die eigentlich nie den üblichen Weg eines Kennenlernens genommen hatte.
Kim lebt am Bodensee. Ich in Frankfurt. Und da wir beide nicht unbedingt dafür bekannt sind, jede Gelegenheit wahrzunehmen, uns mit anderen Fotografen auf irgendwelchen Veranstaltungen zu treffen, blieb es bei dieser eigentümlichen digitalen Nähe.
Bis ich eines Tages über sie in meinem Blog schreiben wollte und wir uns schließlich zu einem Gespräch verabredeten.
Eigentlich sollte es nur ein erstes Kennenlernen werden. Ein Vorgespräch für ein Interview, das ich irgendwann mit ihr führen wollte.
Es wurde sehr viel mehr als das.
Ein Gespräch übereinander. Und voneinander.
Irgendwann war klar, dass wir schon mittendrin waren.
Erst gegen Ende fiel mir auf, dass ich keine einzige Zeile mitgeschrieben hatte. Trotzdem hatte ich das Gefühl, alles noch im Kopf zu haben. Unmittelbar nach dem Auflegen nahm ich mein Smartphone, öffnete meine Notiz-App und begann, alles hineinzusprechen, woran ich mich erinnern konnte.
Hier ist, was daraus geworden ist.
Nähe und Grenzen
Wir begannen mit einer Frage, die zunächst fast ein bisschen merkwürdig klang.
Was für einen Unterschied macht es, ob ein Mann eine Frau fotografiert oder eine Frau eine Frau?
Natürlich macht es einen Unterschied. Aber nicht unbedingt den, den man vielleicht zuerst vermuten würde.
Ich erzählte Kim von meinen Erfahrungen mit weiblichen Modellen. Davon, wie unterschiedlich Menschen Nähe zulassen und wie wenig selbstverständlich es ist, dass jemand einem anderen Menschen Zugang zu seiner emotionalen Welt gewährt. In meinem Fall steht dabei ein Mann hinter der Kamera.
In meiner Fotografie geht es oft um genau diesen Zugang.
Um den Moment, in dem jemand aufhört, etwas darstellen zu wollen, und beginnt, etwas von sich preiszugeben, das so vielleicht gar nicht geplant war.
Ich habe über die Jahre gelernt, solche Momente wahrzunehmen. Und ich glaube, ich habe auch gelernt, mit der Verantwortung umzugehen, die damit verbunden ist.
Trotzdem gibt es Dinge, die ich nicht wissen kann.
Ich kann mich noch so intensiv mit einem Menschen beschäftigen, noch so aufmerksam zuhören und noch so viel Erfahrung mitbringen. Ich werde niemals vollständig wissen, wie sich eine bestimmte Situation für eine Frau anfühlt, die einem männlichen Fotografen gegenübersteht.
Ein Telefonat vor dem ersten Shooting. Die Einladung, sich vorher auf einen Kaffee zu treffen. Eine schöne Location, an der man ungestört arbeiten kann.
Was für mich selbstverständlich zu einem sorgfältigen Kennenlernen gehört, kann für jemand anderen zunächst Fragen aufwerfen.
Ich denke da an junge Frauen, die noch wenig Erfahrung vor der Kamera haben. An die Unsicherheit, die vielleicht entsteht, wenn ein Mann mittleren Alters vorschlägt, sich vor dem eigentlichen Shooting erst einmal persönlich kennenzulernen.
Oder wenn er eine Location bucht, an der man ungestört arbeiten kann, während die andere Person sich für die erste Begegnung vielleicht einen öffentlichen Ort wünschen würde.
Eine Frau bringt in solche Situationen möglicherweise Erfahrungen mit, die mir als Mann fehlen. Sie kennt vielleicht das Gefühl, eine Grenze setzen zu müssen und dabei gleichzeitig darauf zu achten, wie der andere darauf reagiert. Sie weiß, wie schnell aus einer zunächst angenehmen Begegnung eine Situation werden kann, in der man sich unwohl fühlt. Und sie hat womöglich gelernt, dieses Unwohlsein erst einmal für sich zu behalten, um die Stimmung nicht zu verändern.
Serena by Kim Höhnle
Eine Fotografin kann manche dieser Erfahrungen aus ihrem eigenen Leben kennen. Das bedeutet natürlich noch lange nicht, dass jede Frau jede andere Frau automatisch versteht. Aber es gibt eine gemeinsame Erfahrungswelt, zu der ich als Mann nur begrenzt bis gar keinen Zugang habe.
Solche Dinge habe ich selbst erst über die Jahre wirklich verstanden.
Manchmal braucht es eine ganze Weile, bis man begreift, dass die eigene gute Absicht nicht automatisch die Erfahrung des Gegenübers bestimmt.
Und dass Vertrauen auch bedeutet, zu respektieren, dass Menschen selbst die Linie ziehen möchten, bis zu der sie jemanden an sich heranlassen. Es macht einen großen Unterschied, ob ich diese Linie respektiere oder versuche, sie zu verschieben.
Kim verstand sofort, wovon ich sprach.
Wir stellten fest, dass wir aus unterschiedlichen Perspektiven auf Menschen blicken und uns trotzdem in unserer Vorstellung davon, wie man ihnen begegnen sollte, sehr nahe sind.
Irgendwann fragte sie mich dann, warum ich eigentlich so selten Männer fotografiere.
Ich musste kurz darüber nachdenken, obwohl die Antwort für mich eigentlich ziemlich klar ist.
Mir fällt diese besondere Form der Nähe mit Frauen leichter. Damit meine ich gar nicht körperliche Nähe.
Ich glaube, ich kann mich Frauen gegenüber in dieser besonderen Situation leichter öffnen. Ich werde neugieriger auf den Menschen, frage anders nach und lasse auch von mir selbst mehr zu. Bei Männern entsteht bei mir schneller eine Distanz, die ich gar nicht bewusst herstelle.
Das ist keine Bewertung. Und schon gar keine Theorie darüber, wie Männer oder Frauen sind. Es ist lediglich etwas, das ich über mich selbst gelernt habe.
Kim verstand sofort, was ich meinte. Und irgendwie war ich froh darüber, dass wir daraus keine Grundsatzdiskussion über Männer, Frauen und unterschiedliche Arten von Nähe machen mussten.
Wir mussten beide lachen.
Manchmal ist es eben auch einfach schön, wenn man etwas sagen kann, das vielleicht ein bisschen unbeholfen klingt, und der andere trotzdem genau versteht, worauf man hinauswill.
Hinter der Kamera
Was mich an Kims Fotografien seit Jahren fasziniert, ist die Tatsache, dass ich beim Betrachten ihrer Bilder auch an sie denke.
An die Frau, die hinter der Kamera steht.
Das passiert mir nicht bei vielen Fotografen.
Man kann eine Arbeit bewundern, ihre Ästhetik, ihre technische Perfektion, die Idee oder den besonderen Augenblick. Und trotzdem bleibt der Mensch, der sie geschaffen hat, seltsam unsichtbar.
Bei Kim ist das anders.
Ihre Bilder erzählen von Menschen und von der Art, wie sie selbst Menschen sieht. Alles in einem Bild.
Da ist Stärke. Körperlichkeit. Verletzlichkeit. Mut. Manchmal eine Intimität, die aus dem entsteht, was man beim Betrachten zu spüren beginnt.
Es sind Bilder, die etwas offenlassen und dennoch eine klare Aussage treffen.
Und ich glaube, genau deshalb habe ich irgendwann angefangen, mich so sehr für die Person hinter diesen Bildern zu interessieren.
Kim hat Kunst studiert. Sie hat gemalt, bevor die Fotografie zu ihrem eigentlichen Ausdrucksmittel wurde. Wenn man ihre Arbeiten betrachtet, erscheint einem dieser Weg fast selbstverständlich.
Ich sehe in ihren Fotografien viel von dem, was ich auch mit Malerei verbinde. Die Auseinandersetzung mit einer Idee, mit einer Empfindung, mit etwas, das sich zunächst vielleicht noch gar nicht richtig beschreiben lässt.
Der Begriff Porträtfotografie beschreibt es nicht ganz, stellen wir fest. Er klingt irgendwie noch zu allgemein.
Es ist ein bisschen so, als würde man jemanden als Romanschriftsteller bezeichnen. Man weiß dann zwar ungefähr, womit sich dieser Mensch beschäftigt. Über die Art seiner Geschichten hat man damit allerdings noch ziemlich wenig erfahren.
Exceptional Faces & Soul Food
Kim erzählt mir von ihren Anfängen.
Von Exceptional Faces, einem Projekt aus dem Jahr 2013, als sie, wie sie selbst sagt, noch ein Küken war und eigentlich noch gar nicht richtig wusste, wie man eine Kamera bedient.
Sie hatte zu dieser Zeit bereits eine schwierige Krankheitsphase erlebt. Eine Erfahrung, die ihren Blick auf Menschen, auf sich selbst und auf die Vergänglichkeit des Lebens verändert hatte.
Die Fotografie wurde für sie zu einem Weg, sich mit dem Erlebten auseinanderzusetzen.
Sie begegnete Menschen, von denen jeder seine eigene Geschichte mitbrachte.
Und irgendwann stellte sie fest, dass diese Menschen ihr viel mehr gaben, als sie ursprünglich erwartet hatte.
2015 folgte Soul Food.
Frauen zwischen 18 und 80 Jahren. Nackt am Strand fotografiert. Unterschiedliche Körper, Lebensalter und Geschichten.
Die Bilder stellte Kim später in ihrem damaligen Atelier aus.
Sie erzählt von den Räumen, den langen Bannern, die von der Decke hingen, den gedruckten Fotografien auf den Tischen, den Kerzen und all den Menschen, die gekommen waren.
Soulfood by Kim Höhnle
Ich kann mir das ziemlich gut vorstellen.
Ein großes Atelier, viel Platz, Menschen, die zwischen den Bildern umhergehen, stehen bleiben und sich unterhalten.
Und mittendrin Frauen, die sich selbst auf diesen Fotografien wiederfinden.
Einige begannen zu weinen, als sie ihre Bilder sahen.
Sie hatten vorher nur eine kleine Auswahl bekommen und wussten nicht genau, welche Aufnahmen Kim für die Ausstellung ausgewählt hatte.
„Ich dachte nicht, dass ich so schön bin, dass du mich hier zeigst.“
Dieser Satz ist mir besonders hängen geblieben.
Man muss sich das einmal vorstellen.
Da steht ein Mensch vor seinem eigenen Bild und ist überrascht, dass ein anderer Mensch ihn für schön und besonders genug hält, um ihn öffentlich zu zeigen.
Wie viel sagt das über unsere Vorstellungen von Schönheit aus? Und wie viel über das Bild, das wir von uns selbst haben?
Kim erzählt mir von Veränderungen, die diese Begegnungen bei einzelnen Frauen ausgelöst haben. Von Entscheidungen, die sie danach getroffen haben. Von einem anderen Verhältnis zum eigenen Körper.
Eine Frau ging zur Bundeswehr. Eine andere begann zum ersten Mal, Röcke zu tragen.
Und dann erzählt Kim davon, was das alles wiederum mit ihr gemacht hat.
Nach der Ausstellung fuhr sie nach Berlin und brauchte erst einmal zwei Monate für sich.
Um das Erlebte zu sortieren.
Ich kenne dieses Gefühl, wenn auch aus anderen Zusammenhängen. Manchmal erlebt man etwas, dessen Energieverbrauch man erst viel später spürt. Wenn der Druck von einem abfällt.
Man macht ein Bild. Hat eine Begegnung. Führt ein Gespräch.
Und irgendwann, vielleicht Jahre später, stellt man fest, dass genau dort etwas begonnen hat.
Kim spricht heute noch von diesem Projekt.
Und ich glaube, dass ein wesentlicher Teil ihrer heutigen Fotografie damals entstanden ist.
Ihre Bildsprache hat sich über die Jahre verändert. Exceptional Faces enthielt noch Farbaufnahmen. Heute arbeitet sie seit Langem ausschließlich in Schwarzweiß.
Ihr Verständnis davon, was es bedeutet, einen Menschen zu „sehen“, hat damals offenbar eine entscheidende Richtung bekommen.
Und auch davon, was es bei einem Menschen auslösen kann, wenn er sich gesehen fühlt.
Der Moment
Ich hatte während unseres Gesprächs eine ziemlich genaue Vorstellung davon entwickelt, wie Kim fotografiert.
Wahrscheinlich, weil ich selbst so ähnlich arbeite. Es kann auch daran liegen, dass ihre Bilder mir das Gefühl geben, den Weg zu ihnen ein Stück weit nachvollziehen zu können.
Ich stellte mir vor, wie sie sich einem Menschen nähert. Wie sich langsam eine Atmosphäre entwickelt, die irgendwann einen bestimmten Punkt erreicht, an dem beide ganz in diesem Moment angekommen sind.
Jeder, der Menschen fotografiert, kennt solche Momente.
Am Anfang ist da vielleicht noch eine gewisse Unsicherheit. Man spricht miteinander, bewegt sich, probiert etwas aus. Dann verändert sich langsam etwas. Der Mensch vor der Kamera wird vertrauter mit der Situation. Die Aufmerksamkeit füreinander wächst. Man reagiert immer weniger auf das, was man ursprünglich vorhatte, und immer mehr auf das, was gerade geschieht.
Irgendwann erreicht diese Begegnung einen Punkt, an dem alles zusammenkommt.
Ich empfinde das manchmal wie eine Kurve, die langsam ansteigt und schließlich ihren Höhepunkt erreicht.
Bei vielen Shootings fällt sie danach ziemlich schnell wieder ab. Der besondere Moment ist vorbei, man schaut auf die Uhr, bespricht vielleicht noch ein paar Aufnahmen und verabschiedet sich.
Wenn ich Kims Bilder betrachte, habe ich oft den Eindruck, dass sie mit diesem Höhepunkt anders umgeht.
Es scheint mir, als könnte sie länger dort bleiben als Andere. Als würde sie den Moment noch ein Stück begleiten, ihm Raum geben und ihn schließlich ganz langsam ausklingen lassen.
Wie ein Flugzeug, das nach einem langen Flug sanft zur Landung ansetzt.
Ich habe Kim noch nie bei einem Shooting erlebt. Das ist meine Vorstellung davon, wie ihre Bilder entstehen. Vielleicht liege ich damit völlig falsch.
Aber ich wollte wissen, wie sie selbst diese Momente erlebt.
Ich fragte sie, wie sie mit dieser Nähe umgeht.
Ihre Antwort war viel einfacher, als ich erwartet hatte.
Sie hinterfragt sie nicht mehr.
Sie hat gelernt, anzunehmen, dass sie so fotografiert, wie sie fotografiert.
Dass sie Menschen sehr nah kommt. Dass sie selbst emotional beteiligt ist. Dass ihr manchmal hinter der Kamera die Tränen kommen.
Und dass das alles sein darf.
Sie erzählt mir von einem Shooting, das keine zehn Minuten gedauert hat.
Danach war es vorbei.
Alles war da, was da sein sollte.
Sie hatte ihre Bilder.
Ich musste darüber schmunzeln. Ich kenne das. Zu sagen, “das war´s, wir haben alles” Sich so sicher damit zu sein.
Wie oft verbringen wir Fotografen Zeit damit, einen Moment herzustellen, der sich vielleicht überhaupt nicht herstellen lässt?
Wir planen, bereiten vor, entwickeln Ideen, suchen Locations und versuchen dann, das alles in einem möglichst guten Ergebnis zusammenzuführen.
Und manchmal sitzt uns ein Mensch gegenüber und schenkt uns innerhalb weniger Minuten etwas, das wir mit noch so viel Vorbereitung nicht hätten erzeugen können.
Die Kunst ist wohl, das auch so zu erkennen.
Kim Höhnle at work. By Dana Schöller
Kim erzählt auch von Shootings, bei denen diese besondere Intensität gar nicht entsteht. Dann sind es eben schöne Bilder geworden. Sie hat gelernt, auch das anzunehmen.
Ich finde diesen Gedanken ziemlich befreiend.
Kim sagt, sie fotografiere mit einem alten, beschädigten 35-mm-Objektiv. Sie sei dabei manchmal so nah an den Menschen, dass sie es selbst kaum noch bemerke. Schon fast auf deren Schoß sitze beim Fotografieren.
Und manchmal wisse sie gar nicht mehr richtig, was sie durch den Sucher sieht.
In ihrem Kopf laufen Bilder ab. Gedanken. Musik.
Sie ist in Bewegung.
Ich kann mir das gut vorstellen.
Irgendwann fiel mir auf, dass wir über eine Stunde über Fotografie gesprochen hatten und ich sie nicht ein einziges Mal gefragt hatte, mit welcher Kamera sie arbeitet.
Welche Brennweiten sie benutzt. Wie sie ihre Bilder bearbeitet. Welche Software sie verwendet.
Nichts davon.
Wir wissen beide, wie eine Kamera funktioniert. Wir schätzen das fotografische Handwerk und die Menschen, die es mit großem Aufwand und einer beinahe wissenschaftlichen Präzision beherrschen.
Ich selbst bin schon aus reiner Bequemlichkeit selten mit mehr unterwegs als einer Kamera und einer Festbrennweite. Und ich mag es, mich bewegen zu können, auf eine Situation zu reagieren und mich nicht allzu sehr an einen vorher festgelegten Punkt binden zu müssen.
Kim scheint da ganz ähnlich zu ticken.
Bei unserem Gespräch waren die technischen Dinge einfach nicht besonders interessant.
Wir hatten offenbar genug anderes zu besprechen.
Die Welt im Kopf
Kim und ich haben noch etwas gemeinsam.
Wir verbringen ziemlich viel Zeit mit uns selbst. In unseren Köpfen.
Das klingt jetzt vielleicht etwas merkwürdig, wenn man bedenkt, wie viel wir beide über soziale Medien kommunizieren, wie viel wir von uns preisgeben und wie selbstverständlich wir dort mit anderen Menschen in Kontakt treten.
Aber im wirklichen Leben sieht das manchmal etwas anders aus.
Ich gehe nicht besonders gerne auf Veranstaltungen; schon gar nicht auf solche, bei denen ich niemanden kenne. Kim geht es ähnlich.
Man sieht die Bilder anderer Fotografen, freut sich über ihre Arbeiten, kommentiert sie begeistert und denkt sich, wie schön es doch wäre, diese Menschen einmal kennenzulernen.
Und wenn man dann tatsächlich die Gelegenheit dazu hätte, bleibt man doch lieber zu Hause.
David by Kim Höhnle
Oder man geht hin und braucht erst einmal eine halbe Ewigkeit, bis man sich irgendwo dazugesellt.
Wir mussten beide darüber lachen.
Besonders über die Vorstellung, auf einem Fotografentreffen in eine längere Diskussion über Kameratechnik verwickelt zu werden.
Da wären wir vermutlich beide ziemlich schnell wieder verschwunden.
Dabei schätzen wir Menschen, die sich intensiv mit dem Handwerk beschäftigen, durchaus. Wir bewundern Fotografen, die Licht bis ins kleinste Detail beherrschen und mit großem Aufwand Bilder schaffen, die anders kaum möglich wären.
Nur ist das eben nicht unsere Art zu arbeiten.
Wir ertasten uns unseren Weg lieber.
Kim erzählt, dass sie seit ungefähr zwei Jahren bewusst versucht, sich mehr Zeit für sich selbst zu nehmen.
Sie läuft. Ist gerne auf oder im Wasser. Und ist viel in der Natur.
Sie braucht Bewegung und das Draußensein, um ihren Kopf freizubekommen.
Gleichzeitig liebt sie Kunst, Kultur und das Leben in der Stadt. Sie lebt in der Nähe von Friedrichshafen und genießt es, gelegentlich wieder Großstadtluft zu tanken.
Ich hatte sie gefragt, wo sie eigentlich ist, wenn sie ganz bei sich ist.
Wenn sie nicht Mutter ist, nicht Fotografin, nicht arbeitet und niemand etwas von ihr möchte.
Sie konnte mir darauf zunächst keine abschließende Antwort geben.
Die Frage beschäftigte sie.
Und ich fand das viel interessanter als eine schnelle Antwort.
Denn sie sagte mir auch, dass sie sich heute näher ist als jemals zuvor.
Ich musste darüber nachdenken, wie viel Zeit wir eigentlich damit verbringen, herauszufinden, wer wir sind.
Wie sehr sich das im Laufe eines Lebens verändert.
Und wie seltsam es manchmal ist, dass man einem anderen Menschen Dinge über sich erzählen kann, die einem selbst erst während des Erzählens bewusst werden.
Genau das hatte ich bei Kim während unseres Gesprächs mehrfach erlebt.
Peter Lindbergh
Irgendwann kamen wir auf ihn zu sprechen.
Ich wusste bereits, dass Kim eine besondere Verbindung zu seiner Arbeit hat. Als ich sie später fragte, welche Menschen oder Erlebnisse ihren eigenen Blick auf die Welt geprägt haben, erzählte sie mir noch einmal ausführlich von einer Ausstellung in Brüssel.
Untold Stories.
Eine Ausstellung, die Lindbergh noch selbst konzipiert und für die er seine Arbeiten persönlich ausgewählt hatte. Sie wurde nach seinem Tod in verschiedenen europäischen Städten gezeigt, darunter auch in Brüssel.
Kim hatte die Gelegenheit, die Ausstellung gemeinsam mit einer Gruppe Fotografinnen zu besuchen. Geführt von Stefan Rappo, der über viele Jahre eng mit Peter Lindbergh zusammengearbeitet hatte.
Stefan erzählte von Peter. Von den Bildern, von Begegnungen und von Dingen, die man als gewöhnlicher Ausstellungsbesucher vermutlich niemals erfahren hätte.
Kim erinnert sich an eine Sonnenblume. An ein Straßenschild. An einen Büffel. An ein altes Haus.
Und an Fotografien, bei denen selbst Stefan manchmal keine abschließende Antwort darauf hatte, weshalb Peter sie ausgewählt hatte.
Ich musste bei ihrer Erzählung an die vielen Menschen denken, die Peter Lindbergh vor allem mit seinen ikonischen Fotografien der großen Supermodels und zahllosen anderen Prominenten verbinden.
Und dann steht man plötzlich vor einer Sonnenblume.
Kim erzählt mir, wie sehr sie diese Bilder beschäftigt haben. Wie sie versucht hat, zu verstehen, weshalb Peter gerade diese Fotografien ausgewählt und auf diese Weise zusammengestellt hatte.
Irgendwann entstand bei ihr das Gefühl, dass sie hier etwas sehr Persönliches von ihm zu sehen bekam.
Etwas, das sie auch mit seinem Bewusstsein für die eigene Vergänglichkeit verband.
Sie hatte das Gefühl, dass Peter mit dieser Ausstellung noch einmal etwas von sich selbst zeigen wollte.
Während sie mir davon erzählt, wird ihre Stimme immer wieder fast brüchig.
Sie muss sich sammeln. Nachdenken.
Über FaceTime sehe ich, wie sie dabei an mir vorbeischaut, in den Raum vor ihr. Für einen Moment scheint sie wieder dort zu sein. In der Ausstellung. Zwischen den Bildern und den Erinnerungen, von denen sie mir gerade erzählt.
Ich lasse sie sprechen.
Sie erzählt von der großen Leinwand, auf der die Supermodels über Peter sprechen. Von Stefans Stimme, die plötzlich zu hören ist, während er gleichzeitig neben ihnen steht.
Von den Bildern, den Geschichten und den Stunden, die sie gemeinsam in dieser Ausstellung verbracht haben.
Und schließlich von einer Terrasse hoch über Brüssel.
Dort stand sie irgendwann, rauchte eine Zigarette und versuchte, all das zu verarbeiten.
Ich kann mir diese Szene gut vorstellen.
Kim hatte stundenlang Lindbergs Bilder betrachtet. Die Fotografien allein reichten ihr nicht mehr. Sie begann sich zu fragen, wer der Mensch dahinter gewesen war. Was er gesehen hatte. Warum er gerade diese Bilder ausgewählt hatte. Was von ihm selbst darin steckte.
Die Freiheit, dem eigenen Blick zu vertrauen.
Sich von den eigenen Gefühlen führen zu lassen.
Eine Sonnenblume. Ein Straßenschild. Ein Büffel. Ein altes Haus.
Bilder zu machen, deren Bedeutung sich vielleicht erst später erschließt. Manchmal auch nur einem selbst.
Ausgerechnet diese Bilder schienen sie besonders zu beschäftigen. Vermutlich auch, weil sie plötzlich nicht mehr nur auf das schaute, was Peter Lindbergh fotografiert hatte. Sie suchte darin nach ihm.
Und während Kim mir davon erzählt, fällt mir auf, dass ich seit Jahren etwas ganz Ähnliches mit ihren Bildern mache.
Stefan erzählte im Nachgang, dass die intensive Beschäftigung mit Peters Werk für ihn ein Stück Heilung gewesen sei.
Dieser Gedanke ist mir besonders hängen geblieben.
Ich musste an Kims eigene Geschichte denken. An ihre frühen Projekte und daran, wie sehr die Begegnungen mit anderen Menschen sie verändert hatten.
Und an das, was sie mir über ihre Fotografie erzählt hatte.
Sie hat heute keine Angst mehr davor, in ihren Bildern selbst sichtbar zu werden. Sie fragt sich nicht mehr ständig, weshalb sie auf eine bestimmte Weise fotografiert. Und sie hat das Gefühl, sich selbst näher zu sein als jemals zuvor.
Die Begegnung mit Peters Werk hatte ihr offenbar etwas bestätigt, das sie über die Jahre selbst gelernt hatte.
Sie darf ihrem eigenen Blick vertrauen.
Sie darf Bilder machen, deren Bedeutung sich vielleicht nicht jedem erschließt.
Und sie darf in diesen Bildern etwas von sich hinterlassen.
Ich glaube, dass Kim genau das schon seit vielen Jahren tut.
Als ich ihr zuhöre und sehe, wie sehr sie diese Erinnerung noch immer bewegt, denke ich wieder an die Bilder, durch die ich sie kennengelernt habe.
Ich habe mich oft gefragt, wie viel von Kim selbst in ihnen steckt.
An diesem Nachmittag bekomme ich darauf eine ziemlich persönliche Antwort.
Sehen
Eine Geschichte, die Kim mir später in einer Sprachnachricht erzählte, hat mich besonders beschäftigt.
Sie hatte eine junge Frau fotografiert.
Irgendwann wurde sie von einer anderen Fotografin auf die Narben an deren Armen und Beinen angesprochen.
Kim verstand zunächst überhaupt nicht, wovon die Rede war.
Sie hatte diese Narben während des Shootings nicht bewusst wahrgenommen.
Und als sie später ihre eigenen Bilder betrachtete, war sie selbst überrascht.
Die Narben waren da. Aber während ihrer Begegnung hatten sie für Kim offenbar überhaupt keine Rolle gespielt.
Sie hatte die junge Frau gesehen.
Den Menschen.
Serena
Und nicht zuerst die Spuren, die dieser Mensch auf seinem Körper trug.
Ich habe lange über diese Geschichte nachgedacht.
Wir alle sehen Menschen durch unsere eigenen Erfahrungen, Erwartungen und Vorstellungen.
Wir nehmen Dinge wahr, weil wir gelernt haben, auf sie zu achten. Und übersehen andere, weil sie für uns keine besondere Bedeutung haben.
Deshalb erzählt diese Geschichte für mich mindestens genauso viel über Kim wie über die junge Frau, die sie fotografiert hat.
Kim sagt, dass sie Narben mag. Falten. Körper, die gelebt haben. Menschen, die ihre Geschichte mitbringen.
Das gesamte menschliche Paket, wie sie es nennt.
Und ich musste wieder an ihre Bilder denken.
An diese besondere Mischung aus Körperlichkeit, Verletzlichkeit und Stärke.
An Menschen, die sich zeigen dürfen, wie sie sind.
Und an eine Fotografin, die offenbar sehr genau weiß, weshalb sie ihnen so nahe kommen möchte.
Bilder und Worte
Wir haben auch über das Schreiben gesprochen.
Darüber, weshalb wir beide das Bedürfnis haben, unseren Fotografien manchmal etwas mitzugeben.
Ein Bild muss eigentlich nicht erklärt werden.
Aber manchmal steckt in einem Bild so viel von dem, was davor geschehen ist, dass es schade wäre, wenn davon überhaupt nichts erhalten bliebe.
Hundert Menschen können dasselbe Bild betrachten und hundert unterschiedliche Dinge darin sehen.
Und trotzdem gibt es manchmal etwas, das man selbst noch darüber erzählen möchte.
Ich habe Kim davon erzählt, wie ich zum Schreiben gekommen bin.
Meine Mutter ist vor 22 Jahren gestorben.
Damals hat mich das so überwältigt, dass ich irgendwann angefangen habe, meine Gedanken aufzuschreiben.
Ich wusste nicht, wohin mit dem, was in mir vorging.
Ich wollte etwas festhalten. Um mich selbst daran festhalten zu können. Etwas sortieren. Verstehen, was eigentlich mit mir passiert war.
Diesen Text gibt es noch immer.
Und ich nehme ihn mir ungefähr einmal im Jahr wieder vor.
Ich ändere etwas. Ergänze etwas. Streiche etwas. Manchmal verstehe ich einen Gedanken plötzlich anders als noch im Jahr zuvor.
Es ist ein bisschen wie bei einem Bild, an dem man immer wieder weiterarbeitet.
Man fügt etwas dazu. Übermalt etwas anderes.
Und irgendwann merkt man, dass man nicht nur den Text verändert hat.
Man selbst ist inzwischen auch ein anderer geworden.
Ich glaube, dass Kim sehr gut versteht, was ich damit meine.
Sie begleitet ihre fotografischen Arbeiten ebenfalls mit Texten. Ihre Bücher und Projekte sind Ausdruck einer Auseinandersetzung, die über den Moment des Fotografierens hinausgeht.
Sie beschäftigt sich mit dem, was sie erlebt hat, mit den Menschen, denen sie begegnet ist, und mit dem, was davon in ihr zurückbleibt.
Manchmal dauert es eben sehr lange, bis man etwas wirklich verstanden hat.
Und manchmal braucht man dafür Bilder und Worte.
Und irgendwann trinken wir einen Kaffee.
Nach unserem Gespräch saß ich noch eine Weile da und dachte darüber nach, was wir eigentlich alles besprochen hatten.
Über Fotografie. Über Menschen. Über Nähe. Über das Schreiben und die Kunst. Über unsere Schwierigkeiten, auf andere zuzugehen, und darüber, wie leicht es uns manchmal fällt, einem Menschen hinter der Kamera sehr nahe zu kommen.
Und über Kim.
Über eine Frau, deren Bilder ich seit Jahren bewundere und von der ich nach diesem Gespräch das Gefühl hatte, sie ein gutes Stück besser verstanden zu haben.
Während ich später versuchte, meine Gedanken über unser Gespräch zu sortieren, fiel mir auf, dass ich Kim eigentlich schon seit Jahren auf eine ganz besondere Weise kennengelernt hatte.
Durch ihre Bilder.
Ich hatte darin immer auch etwas von der Frau wahrgenommen, die diese Menschen fotografiert hatte. Ihre Neugierde, ihre Nähe zu ihnen, ihre Art, sie zu sehen.
Nach unserem Gespräch glaube ich, ein bisschen besser zu verstehen, was mich daran so lange beschäftigt hat.
Wir haben übrigens noch immer keinen Kaffee miteinander getrunken.
Das sollten wir irgendwann nachholen.
Am besten irgendwo, wo nicht zu viele Fotografen herumlaufen.
Sonst müssen wir am Ende noch über Kameras sprechen.

