Method Notes Nº 14: Mit Jemandem im Raum, oder -über das was man Atmosphäre nennt.

Ich könnte hinterher nicht sagen, wann genau sie angekommen war. Durch die Tür war sie schon eine Weile zuvor gekommen.

Ich war vor ihr im Studio gewesen. Ein weißer, beinahe leerer Raum mit einer langen Fensterfront. Ich stellte meine Tasche ab und packte die Kamera aus. Hier würden wir die nächsten Stunden verbringen. Noch wusste ich wenig von ihr.

Als sie hereinkam, brachte sie den Weg hierher noch mit. Ihr Tempo, den Lärm des Verkehrs, vermischt mit dem, was ihre Kopfhörer in sie hineinspielten. Unter ihrer Jacke war noch die Wärme von unterwegs. Im Studio war es kühler. Ich hatte mich schon eine Weile im Raum bewegt. Sie musste erst einmal ihre Sachen abstellen.

Weniger als eine Stunde später würde sie von ihrem Leben erzählen. Von ihrer Arbeit, ihrer Beziehung und davon, was sie sich für die Zukunft vorstellte. Später würde sie sich in die Musik vertieft bewegen, die sie vorher nicht gekannt hatte.

Aber jetzt waren die Wände noch immer weiß. Der Raum beinahe leer. Ich stand ihr gegenüber, streckte meine Hand zum Gruß aus, wir umarmten uns dann aber doch und ich sagte: „Schön, dass du da bist, komm erst mal an.“

Ich bin ein eher introvertierter Mensch. Umso merkwürdiger erscheint es mir manchmal, wie selbstverständlich ich innerhalb eines solchen Raumes in einen Austausch hineingehe. Wie viel ich erzähle, wie viel ich erfahre. Auch über mich selbst.

Jemand beschreibt etwas aus seinem Leben und während ich zuhöre, fällt mir eine eigene Geschichte ein. Ich beginne zu antworten und merke erst beim Sprechen, was ich darüber denke. Manchmal würde ich gerne ein Notizbuch hervorholen. Einen Satz festhalten, den ich gerade selbst gesagt habe. Oder einen Gedanken, auf den mich mein Gegenüber gebracht hat und den ich später gerne weiterverfolgen würde.

So geht das zwischen uns hin und her. Ich frage, höre zu, erzähle. Eine Antwort führt uns irgendwohin, wo ich vor dem Gespräch noch nicht gewesen bin.

Elisa, November ´26

Das gehört für mich zu einem Shooting. Es beeinflusst, wie ich jemanden sehe, und vermutlich auch, wie jemand mir begegnet.

Was für den Menschen, der vor meine Kamera tritt, wie ein sich von selbst entwickelndes Treffen wirkt, beginnt tatsächlich schon, bevor die Person den Raum betritt.

Ich bin lange vor der abgemachten Zeit da. Sehe mir an, wie das Licht durch die Fenster fällt. Wie es im Raum wirkt und sich verändert. Wo es hell ist und wo schattiger. Wo dazwischen die Stellen liegen, an denen Licht und Schatten ineinandergreifen. Ich bewege mich durch diese Bereiche und bekomme eine Vorstellung davon, wie es sein könnte, dort zu fotografieren. Und auch fotografiert zu werden.

In manchen Studios gibt es Stellen, zu denen es Menschen ganz von selbst zieht. Ohne dass ich sie dorthin bitte. Irgendetwas ist dort, das sie anspricht. Ich versuche, ein Gefühl dafür zu bekommen, wo diese Stellen sein könnten. Wo sich jemand vielleicht wohler fühlt. Wo ruhiger, wo ausgelassener. Welche Stelle zu welcher Stimmung passen könnte.

Auch Gerüche nehme ich wahr. Manchmal zünde ich etwas an. Eine Duftkerze, etwas Räucherwerk. Sehr wenig. Gerade genug, dass es für mich einen Unterschied macht.

Ich richte mich in dem Raum ein. Dabei entsteht bereits eine Stimmung, in der ich mich selbst anders bewege und auf das Kommende einlasse.

Dann die Musik.

Am Anfang passt etwas anderes als später. Jemand kommt herein, wir begrüßen uns, reden erst einmal und ich möchte meinem Gegenüber Zeit lassen, um anzukommen. Die Musik begleitet das. Im Verlauf verändere ich die Playlist, manchmal während wir sprechen oder fotografieren. Ich merke, dass etwas anderes passen würde. Mehr Bewegung, ein anderes Tempo. Oder wieder etwas Ruhigeres. Auch diese Veränderungen nehme ich kaum merklich vor.

Ich achte im Grunde ständig darauf, wie sich alles zusammen anfühlt. Wie ein Magier, der immer mit seinem Publikum in Kontakt steht und doch ganz konzentriert an seiner Aktion arbeitet.

Auch der Weg zum ersten Bild besteht aus vielen kleinen Übergängen. Wir sprechen miteinander, sehen uns die mitgebrachten Sachen an, wählen etwas aus. Das Gespräch läuft weiter. Ich erzähle, was ich vorhabe, und dabei habe ich die Kamera bereits in der Hand. Immer da, nie wie ein Fremdkörper, zu dem man irgendwann greift und mit einem „So, dann wollen wir mal …“ hart einen Gang einlegt.

Die ersten Aufnahmen sind noch ein Ausprobieren. Wir sehen, wie es sich anfühlt. Ich gebe etwas vor, reagiere auf eine Bewegung, mache einen Vorschlag. Nach und nach werden die Bilder bewusster.

Natürlichkeit bedeutet mir dabei viel. Ich achte darauf, wie sich jemand von selbst bewegt. Was mit den Händen passiert, wie jemand steht oder den Kopf dreht, während er noch einem Gedanken folgt. Damit kann ich weiterarbeiten. Wenn eine Bewegung in eine eingeübte Pose übergeht, suche ich einen Weg, sie wieder zu öffnen.

Dafür braucht es manchmal nur einen Satz. Eine kleine Veränderung. Und die braucht vor allem eines: Zeit.

Über das Tempo denke ich mehr nach, als man mir wahrscheinlich anmerkt.

Der Auslöser meiner Kamera ist gerade laut genug, dass mein Gegenüber ihn hören kann. Zwischendurch stelle ich das Geräusch ganz unbemerkt aus. Manchmal fotografiere ich im Takt der Musik. Die Bewegung folgt derselben Melodie und für eine Weile laufen die Aufnahmen darin mit. Dann spreche ich wieder, warte auf eine Antwort oder lasse die Kamera sinken.

Ayda, Oktober ´26

Es gibt Phasen, in denen vieles zusammenkommt. Die Musik, die Bewegung, das Auslösen. Unsere Stimmen und die Pausen dazwischen. Ich bin aufmerksam und gleichzeitig so darin, dass ich die einzelnen Dinge kaum noch getrennt wahrnehme.

Auch die Gespräche verändern sich. Wir können eben noch über etwas Alltägliches lachen und kurz darauf bei einer Erinnerung sein, die uns beschäftigt. Später wird es wieder leichter. Ich mag diesen Wechsel. Er lässt Platz für unterschiedliche Seiten eines Menschen. Und für meine eigenen.

Wenn ich von Atmosphäre spreche, denke ich an all das.

An die kleinen Entscheidungen, die ich treffe, und daran, wie mein Gegenüber darauf reagiert. Wie ich meine Vorstellung verändere, weil sich gerade etwas anderes ergibt. Wie wir beide den Verlauf dieses Shootings beeinflussen.

Als wir später fertig sind, weiß ich etwas von ihrem Leben. Und manches über mich selbst, das ich mir gerne aufgeschrieben hätte.

Während ich meine Sachen zusammenpacke, steht sie am offenen Fenster. Die Musik läuft noch. Sie schaut hinaus, atmet die kühle Luft ein. Dann dreht sie den Kopf zu mir und lächelt.

Ich nehme meine Tasse. Ein Rest Kaffee ist noch darin. Ich gehe zu ihr hinüber und bleibe neben ihr stehen. Eigentlich möchte ich gar nichts sagen. Für einen Moment sehen wir einfach gemeinsam hinaus.

Später, als sie gegangen ist, bin ich wieder allein. Ich merke, dass ich eigentlich nur noch so fotografieren kann. Dafür brauche ich jemanden, der sich mit mir darauf einlassen möchte.

Meine Tasche steht gepackt neben mir. Ich sehe mich um. Langsam scheint der Raum wieder abzukühlen. Er bekommt etwas von der Nüchternheit zurück, mit der er mich zu Beginn empfangen hat. Weiße Wände, eine lange Fensterfront. Bald wird jemand anderes hier seine Sachen abstellen.

Ich frage mich, wie viele Menschen schon an diesem Fenster gestanden haben. Was sie einander erzählt haben. Worüber sie lachen mussten und wann sie still geworden sind.

Was dieser Raum wohl alles gesehen hat. Wenn er sprechen könnte, würde ich ihm gerne zuhören.

Ich trinke den letzten Schluck Kaffee und bleibe noch einen Augenblick stehen, bevor ich meine Tasche nehme und gehe.

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Compendium Nº 4 - Bis man sich sieht, Kim Höhnle