Method Notes Nº 11: Was aufhören muss, oder -Was ich damit meine

Ich ahnte schon, dass dieser Blogbeitrag länger wird; Legen wir los.

Vor ein paar Tagen habe ich einen Post veröffentlicht, der „Dinge, die in der Portraitfotografie endlich aufhören müssen“ heißt.

Dass der Titel ein bisschen provoziert, war mir natürlich klar. Sonst hätte ich ihn anders genannt.

Was ich nicht erwartet hatte, war, was danach teilweise bei mir angekommen ist. Nicht einmal unbedingt öffentlich in den Kommentaren. Viel mehr waren es Direktnachrichten auf Instagram, vereinzelt auch E-Mails. Manche davon waren wirklich lang. Also nicht drei Sätze, sondern gefühlt Seiten.

Und das meiste davon war erstaunlich persönlich.

Fotografinnen und Fotografen haben mir von ihrer eigenen Entwicklung erzählt. Von Dingen, die sie irgendwann selbst angefangen haben zu hinterfragen. Models haben mir geschrieben und Situationen geschildert, die sie erlebt haben. Andere haben gesagt: Bei dem einen Punkt bin ich sofort bei dir, aber den anderen verstehe ich nicht. Oder: Der Satz hat mich getroffen, aber ich weiß noch gar nicht genau, warum.

Und dann schreibt man ein bisschen hin und her und versucht gemeinsam herauszufinden, was da eigentlich gerade passiert ist.

Das mochte ich sehr.

Und nicht nur, wenn oder weil mir jemand recht gegeben hat. Das wäre mir als Motivation für so einen Post auch zu wenig.

Aber weil jemand einen Gedanken nimmt und ihn auf die eigene Arbeit legt. Er passt. Er passt nicht. Er nervt erst einmal. Er stößt etwas an. Man beschäftigt sich damit.

Genau das war eigentlich der Sinn.

Es gab aber natürlich auch die andere Seite.

Einige waren, glaube ich, schon nach der ersten Slide fertig mit dem Post.

„Was aufhören muss? Wer bist du denn, dass du mir sagst, was aufhören muss?“

Es kamen Varianten von „Ich lasse mir doch nicht vorschreiben, was ich fotografiere“ über „Kunst darf alles“ bis zu der Aussage, dass eigentlich Fotografen aufhören müssten, anderen Fotografen erzählen zu wollen, was richtig oder falsch ist.

Kann man so sehen.

Was ich interessanter fand, war ein Muster, das sich durch erstaunlich viele dieser kritischen Kommentare und Nachrichten gezogen hat.

Irgendwann ging es nicht mehr um das, was ich geschrieben hatte.

Dann ging es um meine Bilder.

Meine Bilder seien selbst nicht besonders. Mein Stil sei nicht konsequent. Meine Bearbeitung widerspreche dem, was ich schreibe. Und teilweise wurden sogar die Menschen, die ich fotografiert habe, ziemlich unschön bewertet.

Das fand ich bemerkenswert. Wirklich. Das Muster zu erkennen war faszinierend.

Natürlich wird man neugierig und schaut sich an, wer einem da eigentlich gerade schreibt.

Und bei einigen war für mich nach wenigen Bildern klar: Okay. Wir sind einfach sehr, sehr weit voneinander entfernt.

Geschmacklich, ästhetisch und wahrscheinlich auch in der Vorstellung davon, warum wir überhaupt Menschen fotografieren.

Und das ist völlig okay.

Ich verlange keine Geschmacksangleichung.

Ganz im Gegenteil.

Ich will überhaupt nicht, dass alle dieselben Bilder gut finden. Ich will auch nicht, dass alle so fotografieren, wie ich fotografiere. Das wäre absurd. Ich selbst fotografiere nicht einmal immer gleich. Das war auch unmissverständlich das Thema einer meiner Aussagen meines Posts.

Wenn jemand meine Bilder belanglos findet und ich seine schrecklich, dann kommen wir einfach nicht zusammen. Damit kann ich hervorragend leben. das Leben ist voll mit Dingen bei denen das so ist.

Spannender fand ich diejenigen, bei denen ich mir die Arbeiten angesehen habe und dachte: Das ist richtig gut.

Und auch dort gab es welche, die sich allein an der Formulierung „Was aufhören muss“ so gestört haben, dass der eigentliche Inhalt fast zweitrangig wurde.

Und da komme ich nicht ganz mit.

Denn nur weil jemand hervorragende Bilder macht, ist er doch nicht davon befreit, die eigene Arbeit gelegentlich zu beobachten.

Das gilt für mich genauso.

Eigentlich war genau das der ganze Post.

Das Model- und Fotografenkarussell

Ich habe auf einer Slide vom Model- und Fotografenkarussell geschrieben.

„Immer dieselben Gesichter, immer dieselben Namen, immer dieselbe Runde. Irgendwann wird aus Neugierde nur noch Sammeln.“

Ich glaube, jeder, der sich eine Weile in dieser Szene bewegt, weiß ungefähr, was ich meine.

Irgendwo taucht ein neues Gesicht auf. Ein Fotograf entdeckt es, dann der nächste, dann noch einer. Und irgendwann sieht man diesen Menschen überall.

Das allein ist überhaupt nicht das Problem.

Zehn gute Fotografen können denselben Menschen fotografieren und zehn völlig unterschiedliche Dinge sehen.

Was mich daran interessiert, ist diese Dynamik, die manchmal danach entsteht.

Fotografen schauen, wen bestimmte andere Fotografen gerade fotografieren. Man will dieses New Face dann auch noch erwischen. Und Models schauen umgekehrt natürlich genauso: Die war bei dem, die war bei dem und jetzt auch noch bei dem – da sollte ich auch hin.

Und irgendwann dreht sich dieses Ding fast von alleine.

Das hat manchmal etwas von einem Trüffelschwein. Alle suchen nach dem nächsten besonderen Gesicht und gleichzeitig orientieren sich alle ein bisschen daran, was die anderen schon für besonders erklärt haben.

Und deshalb fand ich die Frage auf der Slide wichtig:

Würdest du diese Person noch fotografieren wollen, wenn niemand wüsste, wer sie ist?

Mehr ist es eigentlich gar nicht.

Man muss deswegen nicht aufhören, bekannte Models zu fotografieren. Natürlich nicht.

Aber man darf sich diese Frage hin und wieder trotzdem mal stellen.

Denn während wir alle in dieselbe Richtung schauen, laufen womöglich Menschen an uns vorbei, die fotografisch viel interessanter für uns wären.

Wir haben nur nie ein zweites Mal hingesehen.

Reichweite ist kein Grund für ein Bild

Das schließt für mich ziemlich direkt an Social Media an.

Natürlich hat Reichweite einen Wert bekommen.

Ein Model mit 50.000 oder 100.000 Followern bringt etwas mit, das jemand mit 500 Followern nicht mitbringt: Aufmerksamkeit.

Aber Aufmerksamkeit macht jemanden nicht automatisch zu einem interessanteren Motiv.

Ich habe oft genug gesehen, dass Menschen fotografiert werden, bei denen ich mich frage, ob der Fotograf oder die Fotografin sie auch angesprochen hätte, wenn da nicht diese Reichweite wäre.

Und genauso funktioniert es andersherum.

Models wollen zu bestimmten Fotografen, weil deren Name etwas bedeutet. Weil man danach dazugehört. Weil andere bekannte Models auch schon dort waren.

Auch das darf alles sein.

Ich bin nicht naiv. Wir benutzen Instagram, wir veröffentlichen unsere Arbeit, wir freuen uns über Reichweite. Ich genauso.

Ich finde nur, dass man das eine nicht mit dem anderen verwechseln sollte.

Reichweite ist Reichweite.

Fotografisches Interesse ist fotografisches Interesse.

Und manchmal ist es ganz interessant zu überlegen, was davon gerade eigentlich die Entscheidung getroffen hat.

Fotogen. Oder einfach nur gewohnt?

Der nächste Punkt war einer, der mir schon länger im Kopf herumgeht.

„Zu normal.“

„Zu alt.“

„Nicht die richtige Figur.“

„Nicht mein Typ.“

„Das Gesicht gibt mir nichts.“

Natürlich darf man einen Typ haben. Habe ich auch.

Aber ich glaube, wir sollten zumindest aufpassen, dass „fotogen“ nicht irgendwann nur noch ein anderes Wort für „damit kenne ich mich aus“ wird. Oder eine bestimmte Norm für Attraktivität festlegt.

Es gibt Gesichter und Körper, bei denen wir ziemlich genau wissen, was funktioniert.

Da weißt du nach ein paar Minuten, aus welchem Winkel du fotografierst, welches Licht funktioniert, wie du jemanden positionierst. Du bekommst relativ schnell einen Treffer.

Aber ist das automatisch interessanter?

Gerade das Gesicht, bei dem ich erst einmal nicht weiß, was ich damit anfangen soll, kann spannend werden.

Jemand ist auf den ersten Blick zu brav für meine Bilder.

Nicht kantig genug.

Die Figur entspricht nicht dem, was wir uns über Jahre als besonders fotogen antrainiert haben.

Und dann muss ich mich eben ein bisschen mehr anstrengen.

Nicht im Sinne von: Jetzt fotografieren wir aus pädagogischen Gründen alle möglichen Menschen, die wir eigentlich gar nicht fotografieren wollen.

Das wäre genauso bescheuert.

Sondern einfach noch einmal hinsehen.

Deshalb kam danach die Frage:

Wie viele Menschen sortieren wir aus, bevor überhaupt etwas entstehen konnte?

Die stelle ich nicht nur anderen.

Die stelle ich auch mir.

Nacktheit macht noch keine Kunst

Das war erwartungsgemäß einer der Punkte, bei denen es richtig losging.

Und ich muss sagen: Da rücke ich auch nach all den Nachrichten nicht besonders weit von meiner Meinung ab.

Ich habe überhaupt kein Problem mit Nacktheit.

Wer meine Bilder kennt, weiß das.

Ich habe genug unbekleidete Menschen fotografiert und mich interessieren Körperlichkeit, Nähe, Verletzlichkeit, Intimität und auch Sexualität in der Fotografie.

Aber gerade deshalb finde ich, dass man unterscheiden darf.

Es gibt Bilder, in denen Nacktheit etwas mit dem Menschen, dem Moment oder der Geschichte zu tun hat.

Und es gibt Bilder, die hauptsächlich davon leben, dass jemand wenig oder nichts anhat.

Eine Frau in einem Lost Place, einer Scheune oder einem Hotelzimmer auszuziehen, sie entsprechend sexy zu stylen und das Ganze irgendwie provokant zu fotografieren, ist für mich nicht automatisch mutig, intim oder Kunst.

Es kann ein gutes Bild dabei entstehen.

Es kann auch einfach nur ziemlich billig sein.

Und ja, das ist eine Geschmacksfrage. Aber nicht nur.

Denn irgendwann geht es auch darum, welches Menschenbild ich mit meinen Bildern nach außen trage.

Gerade wir Männer, die Frauen fotografieren, dürfen uns diese Frage ruhig etwas öfter stellen.

Was sehe ich da eigentlich?

Einen Menschen?

Einen Körper?

Eine Fantasie?

Eine Projektionsfläche?

Und was davon zeige ich anschließend der Welt?

Damit meine ich ausdrücklich nicht Szenen oder Subkulturen, in denen Erotik, Fetisch, Sexualität, Rollen oder bestimmte Inszenierungen bewusst Teil einer gemeinsamen Kultur sind.

Das ist etwas völlig anderes.

Da wird gemeinsam etwas ausgelebt. Da entstehen teilweise Beziehungen und Freundschaften, die von außen viel oberflächlicher aussehen können, als sie tatsächlich sind.

Darum geht es mir nicht.

Mir geht es um diese gedankenlose Gleichung:

Nackt + sexy + irgendwie edgy fotografiert = Kunst.

Nein.

Für mich jedenfalls nicht.

Und der Satz „Aber Kunst darf das“ ändert daran nichts.

Natürlich darf sie das.

Und ich darf es trotzdem schlecht finden.

Victoria - Krakau 2026

Coverband-Fotografie

Ein anderer Begriff aus dem Post war Coverband-Fotografie.

Shootings aus der Konserve.

Gleiches Licht. Ähnliche Posen. Gleiche Gesten. Gleiche Bearbeitung. Nächstes Model.

Auch da haben sich einige angegriffen gefühlt.

Dabei muss man erst einmal unterscheiden.

Natürlich gibt es Fotografen mit einer extrem klaren Handschrift. Du erkennst ein Bild und weißt sofort, von wem es ist.

Das ist großartig.

Aber Handschrift und Schablone sind für mich nicht dasselbe.

Wenn bei zwanzig verschiedenen Menschen am Ende im Grunde zwanzig Varianten desselben Bildes herauskommen, frage ich mich irgendwann schon, wie viel von diesen zwanzig Menschen eigentlich noch darin steckt.

Und ich weiß, dass manche dieser Fotografen eine enorme Anziehungskraft haben.

Models wollen dort hin.

Es ist fast so etwas wie ein kleiner Ritterschlag. Jetzt habe ich auch diese Bilder. Jetzt war ich auch dort.

Wenn jemand genau das möchte: wunderbar.

Ich persönlich möchte anders fotografieren.

Mir würde etwas fehlen, wenn der Mensch vor meiner Kamera eigentlich nur noch in eine bereits fertige Bildidee hineinpassen muss.

Und darum ging es auf der nächsten Slide:

Ist das noch eine Begegnung oder nur Output?

Für mich ist das ziemlich zentral.

Ich fotografiere Menschen, weil mich die Begegnung interessiert und daraus Bilder entstehen.

Natürlich möchte ich am Ende gute Bilder haben.

Ich bin auch enttäuscht, wenn nichts dabei ist.

Aber ich möchte nicht zwei Stunden mit jemandem verbringen und hinterher feststellen, dass diese Person im Grunde austauschbar gewesen wäre.

Du musst kein Content Creator werden, nur weil du fotografierst

Das ist übrigens ein Punkt, bei dem ich mich selbst gerade ziemlich gut beobachten kann.

Ich probiere momentan auf Instagram einiges aus.

Ich poste mehr. Ich probiere Themen aus. Schaue, was funktioniert. Manches gefällt mir hinterher nicht mehr und irgendwann lösche ich möglicherweise auch wieder Dinge.

Alles okay.

Ich stelle mir Social Media dabei manchmal wie ein U-Boot mit einem Sonar vor.

Du schickst ein Signal raus in diese riesige Tiefe und schaust, was zurückkommt.

Was erzeugt Resonanz?

Wo kommt etwas zurück?

Was verschwindet einfach?

Das kann ziemlich hilfreich sein.

Schwierig wird es, wenn dieses Echolot irgendwann bestimmt, wohin du fährst.

Du machst etwas und es funktioniert.

Also machst du mehr davon.

Das funktioniert wieder.

Also noch mehr.

Und irgendwann hörst du nicht mehr so richtig, was dich selbst interessiert, weil das Echo von draußen viel lauter geworden ist.

Ich habe das bei Fotografen erlebt.

Da hatte ich irgendwann das Gefühl, dass nicht mehr die eigene Neugier die Arbeit weiterentwickelt, sondern hauptsächlich das, was Social Media zuletzt belohnt hat.

Und da muss man aufpassen.

Ich auch.

Likes dürfen mir sagen, was bei anderen funktioniert.

Sie sollten mir nicht irgendwann erklären, was ich interessant zu finden habe.

Ein Preset ist kein Stil

Hierzu kamen einige Nachrichten nach dem Motto:

„Aber deine Bilder haben doch selbst Körnung.“

Ja.

Haben sie.

Und manche haben vielleicht auch etwas zuviel abbekommen.

Und sehr viele sind Schwarz-Weiß. Manche sind in Farbe. Andere wieder ganz eigen, weil analog.

Aber darum ging es doch überhaupt nicht.

Ich habe nie behauptet, dass Bildbearbeitung schlecht ist.

Ich bearbeite meine Bilder selbstverständlich auch.

Was ich meine, ist etwas anderes.

Stil beginnt für mich nicht in Lightroom oder Photoshop oder einem anderen Bildbearbeitungsprogramm.

Er beginnt viel früher.

Bei der Frage, wen ich überhaupt fotografieren möchte.

Wie ich jemanden anschreibe.

Wie ich mit einem Menschen rede.

Wie ich eine Atmosphäre schaffe.

Wie viel Sicherheit ich geben kann.

Wie sensibel ich bin.

Wie nah ich jemandem komme.

Was ich wahrnehme.

Was ich am Ende auch bewusst nicht fotografiere.

Wie ich darüber nachdenke.

Das alles ist längst Teil eines Bildes, bevor irgendein Preset darüberliegt.

Natürlich kann Bearbeitung etwas verstärken.

Körnung kann eine Atmosphäre unterstützen. Schwarz-Weiß kann etwas reduzieren. Farben können eine Stimmung verändern.

Aber die Bearbeitung kann nichts ersetzen, was im eigentlichen Bild nie vorhanden war.

Sie kann es zu einem Hingucker machen.

Das ist aber nicht dasselbe.

Und natürlich habe ich selbst Looks ausprobiert. Natürlich orientiert man sich zeitweise an Fotografen, die man gut findet.

Das gehört für mich sogar zur Entwicklung.

Man benutzt eine Weile einen Pfad, den jemand anderes schon gegangen ist.

Nur sollte man irgendwann merken, ob man immer noch hinterherläuft oder inzwischen selbst irgendwo abgebogen ist.

Und ich?

Das ist wahrscheinlich der Punkt, der bei einigen Reaktionen komplett verloren gegangen ist.

Ich nehme mich aus diesem ganzen Post doch überhaupt nicht heraus.

Im Gegenteil.

Ich kenne einige dieser Mechanismen ziemlich gut, weil ich sie bei mir selbst erlebt habe.

Ich schieße über mein Ziel hinaus.

Ich mache Bilder, von denen ich denke, dass sie gut sind, und jemand, dessen Meinung ich schätze, fragt mich:

„Was wolltest du damit eigentlich?“

Und manchmal ist das eine ziemlich unangenehm gute Frage.

Oder jemand sagt:

„Warum machst du das in letzter Zeit eigentlich ständig?“

Dann kann ich natürlich sagen: Das ist eben mein Stil.

Oder ich frage mich für einen Moment:

Ist das wirklich Stil?

Ist das Handschrift?

Oder wiederhole ich mich einfach nur?

Ich glaube, man muss daraus keine große künstlerische Selbstfindungsnummer machen.

Ich möchte auch nicht ständig meine eigene Fotografie tiefenpsychologisch analysieren.

Aber ab und zu einchecken schadet nicht.

Was mache ich da gerade?

Warum mache ich es?

Und bin ich eigentlich noch dort, wo ich sein möchte?

Mehr nicht.

Was muss also aufhören?

Am Ende des Posts habe ich gefragt:

„Was muss in der Portraitfotografie für dich aufhören?“

Natürlich ist das rhetorisch gemeint.

Ich erwarte nicht, dass jetzt jeder nach Hause geht, sein Portfolio öffnet und anfängt, Dinge zu streichen.

Und ich stehe auch nicht irgendwo über der Portraitfotografie und verteile Regeln.

Aber ich werde den Titel deshalb auch nicht nachträglich entschuldigen.

Manche Dinge dürfen meiner Meinung nach aufhören.

Manche Dinge sollten zumindest gelegentlich überprüft werden.

Und bei manchen Dingen, gerade dort, wo wir mit anderen Menschen arbeiten und Bilder von ihnen öffentlich machen, haben wir für mich auch eine gewisse Verantwortung.

Welche Menschenbilder zeigen wir?

Welche Schönheitsvorstellungen wiederholen wir immer weiter?

Wie gehen wir mit den Menschen um, die sich uns anvertrauen?

Wen unterstützen wir?

Wem geben wir Raum?

Wie reden wir miteinander?

Was geben wir zurück?

Das alles hat mit Fotografie zu tun.

Und davon ist niemand befreit, weil er hervorragende Bilder macht.

Nochmal: Ich verlange keine Geschmacksangleichung.

Das ist mir wichtig.

Ich möchte nicht, dass jemand fotografiert wie ich. Ich möchte nicht, dass jemand meine Bilder gut finden muss. Und ich möchte schon gar nicht festlegen, was Kunst sein darf.

Aber womit ich nicht d'accord gehe, ist diese pauschale Antwort:

„Das ist Kunst. Das darf so.“

Ja.

Es darf so.

Aber damit ist doch nicht automatisch alles gesagt.

Kunst darf frei sein und trotzdem kritisiert werden.

Ein Bild darf existieren und ich darf es trotzdem oberflächlich finden.

Jemand darf eine Frau auf eine bestimmte Weise fotografieren und ich darf trotzdem fragen, welches Frauenbild er damit eigentlich verbreitet.

Ein Fotograf darf seit zehn Jahren denselben Look machen und ich darf mich fragen, ob das Handschrift oder Wiederholung ist.

Und selbstverständlich darf jeder dasselbe mit meiner Arbeit machen.

Darum ging es mir.

Nicht um Regeln.

Nicht um Verbote.

Und auch nicht darum, dass am Ende alle dieselben Antworten haben.

Und dann kam der nächste Post

Im Nachhinein finde ich es ganz interessant, dass der Post danach in eine völlig andere Richtung ging.

Dort habe ich versucht, über Dinge zu schreiben, die mir in der Portraitfotografie schwerfallen zu beschreiben.

Über Nähe, die manchmal für einen kurzen Moment entsteht.

Über Vertrauen, das plötzlich da ist.

Über Dinge, die jemand erzählt, obwohl man gar nicht danach gefragt hat.

Über diesen ersten Blick auf ein Bild, wenn jemand sich selbst ein Stück weit durch deine Augen sieht.

Und über das, was nach einer Begegnung noch eine Weile nachklingt.

Für mich hängen diese beiden Posts ziemlich eng zusammen.

„Was aufhören muss“ beschäftigt sich eher mit Dingen, von denen ich weniger möchte. Mit Routinen, Mechanismen und Entwicklungen, bei denen ich merke, dass sie für mich etwas überdecken.

Der Post danach ging um das, wovon ich mehr möchte.

Und wahrscheinlich erklärt der zweite den ersten dadurch sogar ein Stück weit besser.

Denn am Ende will ich nicht einfach Dinge aus der Fotografie streichen.

Mir geht es darum, Raum für das zu lassen, weshalb ich Menschen überhaupt fotografiere.

Für Neugier.

Für Begegnung.

Für Vertrauen.

Für diese schwer zu erklärenden Momente, die sich nicht planen lassen und die auch kein Algorithmus zuverlässig zurückspielt.

Wenn ich meinen ursprünglichen Post heute auf eine Frage reduzieren müsste, wäre es deshalb nicht:

Was darfst du nicht mehr fotografieren?

Sondern:

Warum machst du es eigentlich so?

Warum dieser Mensch?

Warum immer wieder dieser Typ?

Warum dieses Bild?

Warum diese Nacktheit?

Warum diese Bearbeitung?

Warum interessiert mich das?

Und kommt die Antwort darauf eigentlich noch von mir?

Oder höre ich inzwischen hauptsächlich auf das Echo, das von draußen zurückkommt?

Wenn jemand sich diese Fragen stellt und danach zu völlig anderen Antworten kommt als ich, ist das vollkommen in Ordnung.

Das ist keine Geschmacksangleichung.

Das ist Auseinandersetzung.

Und genau darum ging es mir.

Weiter
Weiter

Fragments of Light Nº 16: Mein zehnter August - ein Wochenende in Arzbach.