Fragments of Light Nº 16: Mein zehnter August - ein Wochenende in Arzbach.

Manche Dinge hören auf, weil sie nicht mehr funktionieren.

Andere hören auf, weil es reicht.

Dieser August ist mein zehnter August als Fotograf in diesem Genre. Zehn Jahre sind keine besonders lange Zeit. Für mich sind sie aber lang genug, um einige Dinge anders zu sehen als damals.

Einige freie Shootings werde ich so nicht mehr machen. Manche Porträts nicht mehr auf diese Art. Bestimmte Settings, Abläufe und Ideen lasse ich zurück.

Aber nicht, weil ich unzufrieden damit wäre.

Ich brauche einige Antworten einfach nicht mehr.

Neu anfangen ist schwer, wenn man nicht am Anfang steht.

Wer beginnt, hat wenig zu verlieren. Er kann suchen, ausprobieren, kopieren, verwerfen. Er kann falsch abbiegen und wieder zurückgehen. Niemand erwartet etwas Bestimmtes von ihm. Es hat kaum Gewicht.

Später ist das anders.

Man hat Bilder gemacht, die funktioniert haben. Man hat eine Handschrift entwickelt oder zumindest etwas, das andere dafür halten. Man weiß, welche Motive einem liegen. Man kennt das Licht, die Situationen, die Menschen, die Art zu arbeiten.

Man kann sehr lange damit weitermachen.

Vielleicht sogar ein Leben lang.

Vor ziemlich genau zehn Jahren saß ich einen Tag lang bei Jan in seinem Intense Coaching. Damals gemeinsam mit Stefan und noch einer Fotografin.

Jan kannte ich damals als Jean Noir.

Es war mein erstes wirklich intensives Coaching-Erlebnis. Vieles, was an diesem Tag besprochen wurde, habe ich vergessen. Das Entscheidende aber nicht.

Bis dahin hatte ich Fotografie stark über Bilder verstanden. Ich sah etwas, das mich interessierte, und wollte daraus ein gutes Foto machen. Menschen, Situationen, Licht, Orte. Motivsuche.

An diesem Tag begriff ich zum ersten Mal, dass man über Fotografie anders nachdenken kann.

Über eine Idee vor dem Bild.

Über den Sinn.

Über das, was man eigentlich erzählen oder festhalten möchte.

Und darüber, dass das Handwerk nur dazu dient, diese Dinge sichtbar zu machen.

Aus Jean Noir wurde irgendwann Jan. Und aus Jan ein guter Freund.

Bild: Stefan Magh

Wir haben später gemeinsam Workshops gegeben, Intense x Unplugged. Wir haben zusammen gestreamt, viel gesprochen, fotografiert und noch mehr über Fotografie nachgedacht.

Dieser eine Tag vor zehn Jahren ist trotzdem geblieben.

Weil damit damals etwas angefangen hat, dessen Tragweite ich noch nicht verstanden hatte.

Am vergangenen Wochenende saß Jan wieder vor mir.

Nur stand diesmal ich vorne.

Jan und seine Frau Janna veranstalten in Arzbach das Glücksgefühl Fotografie Meetup.

Die Basis ist ihr Platz mitten in der Natur. Gastronomie, Außenbereich, Camping, Tische, Wiesen, ein Teich, Menschen, die für ein Wochenende aus verschiedenen Teilen Deutschlands zusammenkommen.

Berufsfotografen und Hobbyfotografen.

Digital und analog.

Menschen, die seit Jahrzehnten fotografieren, und andere, die noch nicht lange dabei sind.

Bild: Jochen Schittenhelm

Einige kannte ich persönlich. Andere kannte ich aus Büchern. Von Instagram. Aus Nachrichten, die wir uns teils über Jahre hin und her geschickt hatten.

Bei manchen fiel mir erst mitten im Gespräch auf, dass wir uns nie vorgestellt hatten.

Wir saßen schon eine Weile nebeneinander. Wir redeten über Bilder, Arbeit, Leben, Menschen. Alles fühlte sich völlig normal an.

Irgendwann dachte ich: Ich weiß gar nicht, wie er oder sie heißt.

Es fehlte trotzdem nichts.

Deswegen war es gerade das so angenehm.

Auf Instagram kennt man oft zuerst den Namen. Den Account. Die Bilder. Manchmal die Zahl der Likes und Follower dazu und kennt den Menschen nicht.

In Arzbach war es einfach umgekehrt. Da gab es keine Follower, keine digitale Community. Nur die Menschen die dort waren. Der Rest blieb einfach draußen, wenn er nicht physisch da war.

Bei meinem Vortrag saßen Menschen im Raum, deren Arbeiten ich schon vor vielen Jahren angesehen und bewundert habe.

Ich habe zum Teil sogar ihre Bücher gekauft, weil mich darin etwas angesprochen hat.

Mehr als das Ergebnis, die Energie dahinter. Eine Konsequenz und ihre Art zu sehen und das abzubilden.

Hans-Jürgen Oertelt. Stefan Beutler zum Beispiel. Jan. Und viele andere, die über viele Jahre gearbeitet, Reisen gemacht, Bücher veröffentlicht, Aufträge fotografiert, gezweifelt und wieder angefangen haben.

Und nun stand ich da und sollte etwas erzählen.

Ich spreche beruflich häufig vor Menschen. Große Räume machen mir keine besondere Angst. Dort spreche ich über Dinge, von denen ich glaube, sie gut zu kennen. Vor Tausenden mittlerweile und mitunter in großen Settings. Selbst in den “heiligen Hallen” in Wetzlar, nicht die geringste Spur von Unbehagen.

Aber das Sprechen über die Fotografie vor diesen Menschen ist anders.

Hier bin ich einer von vielen.

Das beruhigt mich inzwischen mehr, als dass es mich verunsichert.

Ich muss niemandem erklären, wie Fotografie funktioniert.

Ich kann nur erzählen, wie sie für mich funktioniert hat.

Und wo sie aufgehört hat, für mich zu funktionieren.

Ein Teil meines Vortrags handelt davon als  Garagenband zu beginnen.

Am Anfang lernt man ein paar Akkorde.

Irgendwann kann man die ersten Songs spielen. Natürlich sind es die Songs, die man liebt.

In der Fotografie passiert etwas Ähnliches.

Man sieht Bilder, die einen begeistern. Man interessiert sich für einen Fotografen, eine Art Licht, einen bestimmten Look, ein bestimmtes Motiv.

Man versucht es selbst.

Das gehört einfach dazu.

Fast jeder fängt mit Coverversionen an.

Man lernt den nächsten Song. Und noch einen. Man wird besser. Irgendwann beherrscht man sehr viele Stücke seiner Lieblingsband.

Die entscheidende Frage kommt später.

Lerne ich noch einen Song?

Oder schreibe ich meinen ersten eigenen?

Man kann eine sehr gute Coverband werden.

Man kann sogar erfolgreich damit sein.

Das hat nur wenig damit zu tun, eine eigene Musik zu finden.

In meinem Vortrag ging es auch um Texte und Arbeiten, die in den vergangenen Jahren für mich wichtig geworden sind.

Um „Das letzte Bis dann“.

Um den Gedanken, dass wir viele letzte Male nicht erkennen, während sie passieren.

Wir verabschieden uns.

Wir sagen: Bis dann.

Wir glauben, dass es ein nächstes Mal geben wird.

Später stellen wir fest, dass es keines gab.

Dieser Gedanke hat für mich inzwischen auch mit Fotografie zu tun.

Manche Bilder habe ich wahrscheinlich schon zum letzten Mal gemacht, ohne es damals zu wissen.

Bei anderen weiß ich es heute.

Diese Erkenntnis ist neu für mich

Es geht auch um „Das bewegte Bild“.

Um Bilder, die nicht nur deshalb entstehen, weil etwas vor der Kamera interessant aussieht.

Mich interessiert zunehmend, was vor dem Bild passiert.

Und was danach bleibt. Wieviel Moment in eine Aufnahme passt.

Ein gutes Motiv reicht mir heute auch weniger als früher.

Ich will verstehen, warum ich überhaupt dort stehe.

Mit dieser Person.

An diesem Ort.

In diesem Moment.

Irgendwann kommt eine ziemlich einfache Frage.

Was soll das alles eigentlich?

Man trifft einen Menschen.

Man verbringt Zeit miteinander.

Man schaut ihn oder sie an.

Man macht Bilder.

Danach fährt man nach Hause, sucht aus, bearbeitet, veröffentlicht.

Dann trifft man den nächsten Menschen.

Nach zehn Jahren liegen Tausende Bilder auf Festplatten.

So betrachtet ist das Ganze ziemlich absurd.

Das Bild ist für mich nicht der Zweck der Begegnung.

Es ist eine Form davon.

Und wenn die Begegnung keinen Sinn, eine tiefere Bedeutung hat, warum dann ein Bild davon machen?

Dieser Gedanke verändert einiges. Für mich.

Er erklärt auch, weshalb mir manche Arbeiten heute egal geworden sind, obwohl sie fotografisch völlig in Ordnung sind.

Das Bild funktioniert.

Die Erinnerung an den Moment dazu aber kaum noch da.

Bei anderen Bildern ist es umgekehrt.

Sie sind technisch nicht die besten aber ch würde sie trotzdem niemals aussortieren.

Wir machen Bilder, weil wir jemanden sehen wollen.

Das ist zumindest ein Teil davon.

Wir machen sie aber auch besonders deswegen, weil wir darin gesehen werden wollen.

Ein Fotograf steht nicht außerhalb der Begegnung.

Er entscheidet, wohin er schaut. Wie nah er kommt. Was er zulässt. Was er ausblendet.

Damit erzählt jedes Bild auch etwas über den Menschen hinter der Kamera.

Und manchmal wahrscheinlich mehr als über die Person davor.

Sehr wahrscheinlich  liegt der eigene Fingerabdruck genau dort. Außerhalb eines Presets, einer Brennweite oder der Komposition.

In der Art, wie man einen Menschen ansieht.

Und in dem, was man von sich selbst dabei preisgibt.

Das Wochenende in Arzbach hatte deshalb etwas Wohltuendes.

Viele der Menschen dort erreichen über soziale Medien Tausende oder Zehntausende.

Ihre Bilder werden gesehen.

Und doch ist gesehen werden etwas anderes.

In Arzbach bestand die Welt für zwei Tage wieder aus ein paar Tischen und ein paar Dutzend Menschen.

Man konnte zu einer Gruppe gehen.

Man konnte allein bleiben.

Man konnte zwanzig Minuten mit jemandem reden oder zwei Stunden.

Manchmal lag Irgendwo eine Kamera auf einem Tisch.

Hier und da ging jemand fotografieren.

Bild: Stefan Magh

Ein kleines Porträt entstand. Ein eigenes Projekt. Ein paar Bilder mit einem Model.

Andere saßen einfach da.

Es wurde zusammen gegessen.

Morgens Kaffee und gemeinsam frühstücken - Abends, essen und Gespräche.

Man fing bei etwas Privatem an und landete früher oder später doch wieder bei der Fotografie.

Niemand musste das erzwingen. Sie war ja ohnehin da.

Ich habe während meines Vortrags meine Texte gelesen.

Und normalerweise schaue ich dabei gerne in Gesichter.

Diesmal konnte ich längst nicht jeden sehen und habe die Aufmerksamkeit trotzdem gespürt.

Die Leute im Raum hörten zu und bei einigen hatte ich den Eindruck, dass sie dabei weniger meinen Gedanken folgten als ihren eigenen.

Und genau das fand ich gut.

Vieles von dem, worüber ich spreche, ist für einen erfahrenen Fotografen nicht neu.

Zweifel sind nicht neu.

Inspiration ist nicht neu.

Das Gefühl, sich zu wiederholen, ist nicht neu.

Abstand zu brauchen auch nicht.

Man muss nicht ständig etwas Neues hören.

Manchmal reicht es, eine alte Frage noch einmal gestellt zu bekommen.

Gerade nach vielen Jahren.

Am Sonntag packte ich irgendwann meine Sachen und setzte mich aufs Motorrad.

Arzbach und die kurvigen Straßen durch die Wälder lagen bald hinter mir.

Beim Motorradfahren kann man nicht viel nebenbei machen.

Man fährt.

Man schaut auf die Straße.

Der Kopf hat trotzdem Platz.

Ich dachte an Jan.

An diesen Tag vor zehn Jahren.

An die Fotografen und Menschen die seit dieser Zeit traf.

An die Menschen, die jetzt im Raum gesessen und mir zugehört hatten.

Ich dachte auch an meine Bilder.

An die, die mir noch immer etwas bedeuten.

An viele, die es nicht mehr tun.

Und an Bilder, die ich so nicht mehr machen werde.

Das fühlte sich gut an.

Denn eine Sache muss auch gar nicht schlecht werden, bevor man sie verlassen darf.

Es reicht manchmal einfach.

Die vergangenen zehn Jahre reichen bis hierher.

Was danach kommt, muss nicht größer sein.

Nicht besser.

Es sollte nur ein wenig mehr meines sein.

Auf dem Motorrad Richtung Frankfurt wusste ich noch nicht, wie diese Bilder aussehen werden.

Das weiß ich auch jetzt nicht.

Und zum ersten Mal seit einer Weile stört mich das auch nicht.

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