Method Notes Nº 12: 5 Regeln die meine Fotografie ausmachen, oder - eine Sammlung an Prinzipien

Es gibt viele Regeln in der Fotografie. Technische Regeln. Gestalterische Regeln. Regeln über Licht, Brennweiten, Posen, Bildaufbau. Strategie, und so weiter.

Aber wenn ich Menschen fotografiere, sind für mich andere Dinge entscheidender geworden. Natürlich spielt Technik eine Rolle. Aber ein gutes Bild von einem Menschen ensteht nicht alleine durch Technik.

Es entsteht durch eine innere Einstellung. Durch Aufmerksamkeit. Durch Verantwortung. Und durch die Fähigkeit, mit den Augen zu sehen, aber auch wahrzunehmen was geschieht.

Das sind fünf Regeln, die meine Fotografie ausmachen.

Viktoria - Warschau

1. Schau durch deine Kamera aus zwei Perspektiven

Wenn ich durch den Sucher sehe, sehe ich natürlich den Menschen vor meiner Kamera. Sein Gesicht. Seine Körperhaltung und Bewegungen. Seine Energie. Den Moment.

Aber ich versuche gleichzeitig auch, mich selbst aus der anderen Richtung zu sehen.

Wie wirke ich in diesem Moment? Wie fühlt sich meine Kamera für mein gegenüber an? Wie fühlt sich mein Blick an? Was nimmt die Person wahr, die vor mir steht? Bin ich ruhig? Bin ich präsent? Bin ich zu schnell? Bin ich wirklich da?

Fotografie ist keine Einbahnstraße. Sie ist kein Gartenschlauch, mit dem man seine Bildidee auf einen Menschen spritzt.

Ein Porträt ist ein Dialog. Manchmal verbal, oft sehr stark nonverbal. Es geht nicht darum, wer die Führung übernimmt. Es geht darum zu verstehen, dass immer zwei Menschen an diesem Bild beteiligt sind.

Auch dann, wenn nur einer von beiden die Kamera hält.

Lana - Paris

2. Habe einen Plan, aber halte dich nicht daran fest

Ein Shooting braucht eine Idee. Einen Ausgangspunkt. Vielleicht ein Moodboard, eine Geschichte, ein Gefühl, eine Richtung.

Aber ein Moodboard ist noch kein Konzept. Und ein Konzept ist noch kein Bild.

Es gibt so viele Dinge, die auf ein Shooting wirken: die Stimmung des Menschen vor der Kamera, die Atmosphäre im Raum, das Wetter, das Licht, Lärm, Müdigkeit, Nervosität, das eigene Befinden.

Man kann ein Shooting nicht einfach nur „durchziehen“.

Für mich beginnt ein gutes Shooting deshalb oft mit einem ehrlichen Abgleich: Das hatten wir vor. So fühlt es sich gerade an. Was machen wir daraus?

Oft entsteht das bessere Bild nicht, weil man seinem Plan folgt. Sondern weil man erkennt, wann der Moment etwas anderes erzählt.

3. Sei ein sicherer Raum, kein Zirkusdompteur

Menschen vor der Kamera brauchen keinen Dompteur. Sie brauchen keinen, der sie durch Anweisungen jagt, bis irgendeine vorher ausgedachte Pose sitzt.

Sie brauchen einen Raum, in dem etwas entstehen darf.

Das bedeutet nicht, dass sich immer alles nur bequem anfühlen muss. Im Gegenteil. Ein sicherer Raum ist nicht dazu da, dass niemand seine Komfortzone verlässt. Er ist dazu da, dass jemand sich traut, sie zu verlassen.

Zu lachen. Still zu werden. Sich sinnlich zu fühlen. Verletzlich. Stark. Herausfordernd. Unsicher. Laut. Leise. Oder einfach nur da zu sein.

Wenn mir Menschen vertrauen, ist das ein Privileg. Und dieses Vertrauen ist kein Werkzeug, das man benutzt. Es ist etwas, das man schützt.

Maike - Frankfurt

4. Alles ist deine Verantwortung

Wenn du fotografierst, bist du verantwortlich (punkt).

Für das Konzept. Für die Kommunikation. Für den Ort. Für die Atmosphäre. Für die Vorbereitung. Dafür, dass jemand ankommen kann. Dafür, dass genug Zeit da ist. Dafür, dass klar ist, worum es geht.

Auch für die Ergebnisse.

Natürlich gibt es Dinge, die nicht planbar sind. Licht verändert sich. Stimmung verändert sich. Menschen verändern sich im Moment. Orte funktionieren anders als gedacht.

Aber am Ende kannst du das nicht einfach auf das Model, den Raum, das Wetter oder den Tag schieben.

Du entscheidest, ob du aus der Situation etwas machst. Du entscheidest, ob du weitergehst, innehältst oder abbrichst.

Wenn es gut wird, ist es schön. Wenn es nicht gut wird, ist es trotzdem deine Verantwortung.

5. Lebe ein Leben, aus dem Bilder entstehen

Gib nicht vor, etwas zu sein, das du nicht bist.

Bilder entstehen aus einem Lebensgefühl heraus. Nur dann werden sie authentisch. Nur wenn du lebst, was du erzählst, bekommen deine Bilder einen echten Fingerabdruck. Einen, den nur du hast.

Ich glaube nicht daran, von Workshop zu Workshop, von Ort zu Ort, von Motiv zu Motiv zu hetzen und zu hoffen, dass daraus automatisch Bedeutung entsteht.

Fotografiere nicht ein Leben, das du nicht lebst.

Lebe ein Leben, aus dem Bilder entstehen.

Das muss kein spektakuläres Leben sein. Es muss nicht aus großen Reisen, dramatischen Geschichten oder inszenierten Momenten bestehen. Leben ist auch Frust. Langeweile. Erinnerung. Dialog. Zweifel. Nähe. Planlosigkeit. Sehnsucht. Routine. Mut. Müdigkeit. Neugier.

In einer Zeit, in der so viel gestellt, optimiert und behauptet wird, spürt man den Unterschied.

Ein spannendes Bild entsteht nicht, weil jemand so tut, als hätte er ein spannendes Leben.

Es entsteht, wenn jemand wirklich ein Teil davon ist was um ihn herum passiert. Und das zeigt, das mit dem zu tun hat, was er lebt.

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Method Notes Nº 11: Ein Ort für Fotografie, oder - ein Willkommen in Wetzlar