Method Notes Nº 11: Ein Ort für Fotografie, oder - ein Willkommen in Wetzlar
Es gibt Veranstaltungen, die funktionieren gut organisiert.
Und es gibt Veranstaltungen, die sich anfühlen wie ein Ort.
Gestern war ich bei den Leica Experience Days eingeladen und durfte dort einen Vortrag über meine Fotografie halten. Wobei Vortrag eigentlich nicht ganz passt. Es war eher eine Mischung aus Lesung, Gedankenreise und persönlichem Einblick in das, was mich an Bildern beschäftigt. Warum ich fotografiere. Warum ich über Fotografie schreibe. Was Nähe und Atmosphäre schafft und so weiter.
Neben mir ging es an diesen Tagen um Psychologie, um Reisen, um Marokko, um Technik, um Bildaufbau, um Begegnungen. Es wurde getestet, diskutiert, ausprobiert. Kameras wechselten die Hände, Menschen kamen ins Gespräch. Viele, die sich vorher nie begegnet waren.
Und irgendwo zwischen all dem hatte das Ganze weniger von einer klassischen Veranstaltung als von einer Art Familientreffen.
Das ist bemerkenswert für jemanden wie mich.
Denn obwohl ich nach außen oft selbstbewusst wirke, habe ich gleichzeitig eine gewisse Scheu vor großen Gruppen von Menschen. Vor allem dann, wenn man durch seine Arbeit sichtbar geworden ist. Dieses Gefühl, erkannt zu werden, aber eigentlich gar nicht im Mittelpunkt stehen zu wollen. Die Schwierigkeit, auf fremde Menschen zuzugehen. Small Talk zu führen. Sich irgendwo „dazuzustellen“.
Solche Dinge kosten mich oft deutlich mehr Energie, als viele vermutlich denken würden.
Deshalb beginnen solche Tage bei mir meistens schon Tage vorher mit einer gewissen Nervosität. Mit diesem inneren Druck, funktionieren zu müssen. Sozial zu sein. Präsent zu sein.
Aber hier war das anders.
Was ich gestern erlebt habe, war eine Atmosphäre, in der all das plötzlich keine Rolle spielte. Fast so, als würde das normale Grundrauschen des Alltags vor der Tür bleiben. Dieser Druck. Diese Unsicherheit. Dieses permanente Gefühl von Tempo und Leistungsbereitschaft.
Das Team von Leica organisiert dort nicht einfach ein Event.
Sie schaffen etwas, das sich wie ein Willkommen anfühlt.
Und ich meine das genau so.
Nicht dieses professionelle „Herzlich Willkommen“, das man auf Veranstaltungen eben sagt. Sondern ein echtes Kümmern. Ein ehrliches Interesse daran, dass Menschen sich wohlfühlen. Dass sie ankommen. Dass sie Teil davon werden.
„Hast du alles, was du brauchst?“
„Weißt du, wo du hinmusst?“
„Schön, dass du da bist.“
Es sind kleine Sätze. Aber sie verändern Alles.
Dazu kommt diese Begeisterung, die dort überall spürbar war. Eine Begeisterung, die längst nicht mehr nur mit Technik zu tun hat. Natürlich spielen die Kameras und Objektive eine Rolle. Ohne Frage. Aber das Entscheidende passiert zwischen den Menschen.
Dieses offene Aufeinanderzugehen.
„Was fotografierst du?“
„Woher kommst du?“
„Ich kenne deine Bilder.“
„Ich folge dir schon seit Jahren.“
Und plötzlich reiht sich Moment an Moment. Gespräche an Gespräche. Man begegnet Menschen, die ähnlich fühlen, ähnlich beobachten, ähnlich begeistert sind von Dingen, die außerhalb solcher Orte oft kaum jemanden interessieren.
Ich glaube, genau das macht solche Tage so besonders.
Sie erinnern einen daran, dass Fotografie nicht nur aus Bildern besteht. Sondern aus Begegnungen. Aus Austausch. Aus dem Gefühl, mit etwas nicht allein zu sein.
Und obwohl ich mich selbst eigentlich nie als großen „Community-Menschen“ gesehen habe, hatte ich gestern zum ersten Mal wirklich das Gefühl, ein Teil davon zu sein.
Ganz entspannt sogar.
Dann kam mein Vortrag.
„Mehr“ hieß er.
Und irgendwann stand ich dort in Wetzlar, in diesen heiligen Hallen, und sprach über Dinge, die mich seit Jahren beschäftigen. Über Bilder. Über Atmosphäre. Über Menschen. Über das, was zwischen Technik und Gefühl passiert.
Und während ich dort stand und meinen Spaß hatte dabei, war ich gedanklich plötzlich wieder 14.
Mit einer kleinen Kompaktkamera irgendwo auf Interrail unterwegs.
Dann Mitte zwanzig auf einem Motorrad, Erinnerungen festhalten.
Dann irgendwo im Gebirge Kletter und Bergmassive fotografieren.
Dann bei meinen ersten bewussten Porträts.
All diese Versionen von einem selbst laufen in solchen Momenten plötzlich gleichzeitig neben einem her.
Und man würde so gerne kurz in eine Zeitmaschine steigen, zurückfahren und seinem jüngeren Ich sagen:
„Mach einfach weiter. Das wird richtig schön.“
Danke, Leica.
Und danke an alle Menschen, die solche Tage möglich machen.
Für die Atmosphäre.
Für die Gespräche.
Und für dieses seltene Gefühl, irgendwo genau richtig zu sein.

